Und sie dreht sich doch – Eine Einleitung

Der Tonträger hat sich die längste Zeit gedreht. Die Zukunft gehört dem Strom aus Musik, den wir nach Belieben anzapfen. Doch der Tanz soll weitergehen.

Mit Thomas Edisons Zylinderphonograph ging es vor ziemlich genau 130 Jahren los: Eine mit einem Staniolblatt bezogene Walze mit Nadel und Zylinder konnte ein Musikstück gerade fünfmal wiedergeben, dann war die Rille platt. Das fiel damals noch nicht unter Kopierschutz, auch wenn die Methode vor ein paar Jahren sicher viel Zuspruch in den Chefetagen der Plattenindustrie bekommen hätte.

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Thomas Edison an der Kurbel: 130 Jahre lang hat sich die Musik im Kreis gedreht (Photo: Levin C. Handy 1877)

Mit den privaten Raubkopien ging es in den frühen Achtziger los, wenn man sich bei einem Freund vielleicht „Diamond Life“ von Sade (Spielzeit 44:52) oder Iron Maidens „The Number Of The Beast“ (Spielzeit 44:55) auf die Hälfte eines 90-Minuten-Tapes aufnahm (Unwahrscheinlich, dass es beide Alben je auf eine Kassette geschafft haben). Die Überspielaktion LP auf Tape, das war dann schon ein Drehkonzert mit gleich drei Achsen, das man beherrschen musste.

Im August 1982 kam in Deutschland die Compact Disc auf den Markt. Sie war rund, mystisch regenbogenfarben und drehte sich wie wild. Aber das tat sie im Verborgenen, in einer schwarzen oder silbernen Schublade im CD-Player. Reingucken war nicht, der Laser hätte uns auf der Stelle zersägt. Die CD dreht sich heute noch, jedoch immer seltener. Ihr Schicksal ist besiegelt, denn sie frisst Rohstoffe auf und verursacht Plastikmüll. Und mal ehrlich: Wer kann sich eine elegantere Form des Musikkonsums vorstellen als die Titel aus dem Netz zu streamen oder von einem Flashspeicher?

Dabei werden wir uns in Zukunft vielleicht auch nicht mehr mit minderwertiger Soundqualität der MP3s zufrieden geben müssen. Wie Neil Young gerade altersweise erkannt hat, könnte auch ein Hi-Res-Musikformat zu einer erfolgreichen Strategie der Musikindustrie werden. Vorrausgesetzt die Netze und die Speicherkapazitäten lassen das zu, und das werden sie.

Musik in Scheiben oder vom Band, das ist also bald endgültig vorbei. Es hat sich ausgedreht.

Nicht ganz. Die Drehbewegung bleibt. In Form von Moden und Retrophasen, die den Musikbetrieb immer leicht verändert aber regelmäßig heimsuchen. In Form von Strophe, Refrain, Thema, Beat. All das, was in den kleinsten Zyklen immer wieder kommt. Wir stehen vor dem Karussell und es bläst uns die Haare ins Genick.

„Musik wird von vielen Menschen als etwas angesehen, das nicht von dieser Welt ist,“ überzegte mich der gerade in Berlin arbeitende Dirigent Daniel Barenboim am Wochenende in der Welt am Sonntag. Woher dieser Strom an Tönen auch kommen mag, wir bleiben hier auf Frequenz.