Die Welt in Scheiben

Nicht Wenige überspielen ihre komplette CD-Sammlung auf den iPod oder MP3-Player. Die ehemaligen Gefährten im Plastikmantel wandern dann meistens in die Kiste, mehr Aufwand darum lohnt sich auch nicht. Denn wer einmal versucht hat, seine alten CDs im Netz zu verkaufen, merkt schnell: Es ist die Mühe nicht wert. Und die Demütigungen, die man sich im Second-Hand-Laden über die Lieblings-Alben anhören muss („Ich geb dir 10 für den Stapel, die anderen kann ich nicht gebrauchen“) schmerzen erst richtig. Das Prinzip „Wertlose Audioaltware“ lernt auch gerade der Amerikaner Paul Mawhinney kennen. Er sitzt auf seiner Sammlung aus schätzungsweise 3 Millionen LPs und Singles sowie 300.000 CDs und bekommt sie selbst für den Spottpreis von 3 Millionen US-Dollar nicht los. Wert soll sie 50 Millionen sein.

The Archive from Sean Dunne on Vimeo.

Der 69-Jährige hat über Jahrzehnte ein Archiv aufgebaut, mit dem sich ein Team von Musikwissenschaftlern gute und gerne weitere 20 Jahre beschäftigen könnte. Auch die angeblich erste flache Schallplatte, wie wir sie heute (noch) kennen, aus dem 19. Jahrhundert, sowie viele Pressungen von Alben, die nie offiziell verkauft wurden, gehören zum Fundus. Eine grobe Untersuchung seiner Schallplatten aus den Jahrgängen 1948 bis 1966 hat gezeigt, dass nur 17 Prozent der Musik davon heute für das große Publikum erhältlich ist. Die andere Hälfte schlummert von uns ungehört in den Regalen des Lagers. Aber wie es aussieht, kümmert das niemanden.

Die kurze Dokumentation über „The World’s Greatest Music Collection“, die im Netz zu sehen ist, zeigt den Mann hinter den Vinylwänden als Hüter eines Schatzes, den zu heben sich niemand wagt.

Eine nicht ganz so umfangreiche Sammlung aber auch große Probleme damit hat Cliff Bolling aus Portland, Oregon. In jahrelanger Arbeit hatte der 57-Jährige seine Schallplatten aus den 20er und 30er Jahren digitalisiert und vor zwei Wochen auf seiner Website 78records.cdbpdx.com zum Download freigegeben. In kürzester Zeit musste sein Provider (Yahoo) kapitulieren, die Anzahl der Aufrufe brachten den Server zum Rauchen. Mittlerweile ist die Website wieder erreichbar. Zu sehen ist zu diesem Zeitpunkt zwar nur die Liste der 3739 Songs, Bolling kündigt dort aber an, endlich einen Anbieter gefunden zu haben, mit dem Downloads demnächst wieder möglich sind. Man sollte also ab und zu vorbeischauen, was sich dort tut, denn die Welt der Musik, die noch mit 78 Umdrehungen abgespielt wurde, ist genauso wie das Archiv von Paul Mawhinney nicht ohne weiteres für uns über iTunes oder Amazon erreichbar.

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Mit einem Plattenspieler für 2 Dollar 50 und einem Dell-Computer hat Cliff Bolling fast 2.000 78RPM-Schallplatten digitalisiert.

(via Wired und Myoon)