Wie Sie mit Post-Punk ihre Kinder aus den Hausschuhen hauen

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DEVO 1980: Wer möchte da noch Cowboyhüte tragen?

Babys hören gerne Mozart, stimmt’s? Nun ja, sie haben ja definitiv keine Wahl, wenn die schwangere Mama den Lautsprecher an ihren Bauch hält. Allerdings braucht man sich nichts vorzumachen. Kein Mensch weiß genau, ob Kinder auch ohne Fruchtwasserbeschallung zu schlechten oder musikalisch unbegabten Menschen werden. Junge Eltern haben das unbändige Verlangen, ihren Kindern die Welt zu zeigen, ihnen vorzuführen, was sie selbst lieben. Oft haben sie dabei wenig Geduld, was dazu führen kann, dass Sechsjährige sich schon so was wie E.T. anschauen müssen, von Haus aus verordnet, sozusagen.

Wenn es um Musik geht, das gleiche. Mozart und Bach sind eine sichere Bank. Das gefällt den Kleinen – wenn man ihnen damit nicht auf die Nerven fällt. Bloß nicht „Jetzt hör doch mal hin!“ oder „… und wie gefällt dir das?“ Denn dann ist es aus. Dann wird erst recht das Gegenprogramm ausgepackt: Solino, Tanzalarm, Schlümpfe und Bibi Blocksberg – meine persönlichen Vier Apokalyptischen Reiter.

Musik gehört im Idealfall einfach dazu. Einer Familie, die komplett auf Beschallung verzichtet, wird schwerlich ein musikverliebtes Kind entwachsen. Es soll Kinder geben, die in den Geigenunterricht geschickt werden, ohne vorher eine einzige Sonate oder ein Violinkonzert gehört zu haben. Was sicher nicht ganz unwichtig ist, um Spaß am Spiel zu entwicklen, ist, zu sehen oder zu hören, wie viel Spaß andere dabei haben.

Musik ist eng mit starken Gefühlen verknüpft. Es ist die einzige Kunstform, die Gefühle beschreibt, ohne Worte, Gesten oder Bilder gebrauchen zu müssen. Ein unglaublicher Vorteil, um den Schriftsteller, von Goethe über Thomas Mann bis hin zu Thomas Bernhard, diese Ausdrucksform immer beneidet haben. Man kann das ganze Gefühlsspektrum in Noten fassen, die klassische Musik ist der Unterhaltungsmusik da um Einiges überlegen (dazu irgendwann mal mehr), aber in der Rock- und Popmusik finden sich wahrscheinlich die besten Beispiele für das, was Kinder mitunter am liebsten machen: vollends austicken und wild schreiend durch die Gegend springen. In der Wiener Klassik findet man dazu sicher nicht den passenden Soundtrack.

Doch wer jetzt denkt, alles was rockt findet auch Anklang im Kinderzimmer, hat sich getäuscht. Viele Produktionen von heute klingen beim Aufdrehen nicht mehr angenehm. Die Kompression in den Titeln treibt die Lautstärke auf allen Frequenzen so nach oben, dass ich CDs und MP3s mittlerweile als echte Bedrohung für Kindergehörgänge ansehe. Wer seine alten Platten verschenkt oder anders entsorgt hat, hat viel zu bereuen. Die Schallplatten aus den 60ern, 70ern und 80ern kann man im Vergleich zu den Downloads und CDs heute richtig laut hören, ohne dass die Ohren klingeln. Und gute Musik gab es auch im Vinylzeitalter genug. Im Vergleich zu den 1000%ig ausgefeilten Produktionen von heute sind viele Stücke aus dieser Epoche vor allem eins: transparent und dadurch angenehm anzuhören. Und das ist das Entscheidende. Tut laute Musik weh, beschweren sich die kleinen Mitbewohner sofort – und haben auch in Zukunft keine Lust mehr auf den Lärm.

Dass sechsjährige Kinder auf Dance, House und Techno sehr gut ansprechen, hat DJ Bobo schon erkannt. Kommen Gitarren ins Spiel, muss man vorsichtiger sein. Gitarrensoli können auf ratlose Gesichter treffen, genauso wie träge Metal-Balladen (Melancholie spielt erst ein paar Jahre später eine tragende Rolle im Gefühlsspektrum der Heranwachsenden). Nicht vergessen, die Kleinen wollen Action und Mitsingen. Gute Erfahrung wird man mit den Red Hot Chili Peppers machen, von denen man weiß, dass es ihr Traum ist, einmal in der Sesamstraße aufzutreten. Deren Musik ist sehr schlank und hat rhythmisch Einiges zu bieten. Und von hier verfolgen wir den Faden zurück zum Moment, als Punk und Funk zusammen fanden. Das war ziemlich genau 1979, als Gang of Four ihr Album „Entertainment!“ veröffentlichten. Eine Platte, die wir heute noch aus der Musik von Bloc Party, Franz Ferdinand oder Maximo Park deutlich heraushören. „Damaged Goods“, lupenreiner Post-Punk, macht das sofort klar:

Und genau dieser Sound kommt bei den Kleinen sehr gut an. Er hat eine klare Struktur, Wörter werden gemotzt, gespuckt, vielfach wiederholt und es gibt musikalisch eine klare Ansage, wann man wildesten hüpfen soll.

Noch ein Beispiel, etwas ernster vielleicht aber ein unglaublicher Stampfer. Ohne The Skids würde das Gitarrenspiel von The Edge heute sicher ganz anders klingen. Leider haben U2 „The Saints Are Coming“ erst kürzlich zusammen mit Green Day für einen guten Zweck enorm verkitscht und ihren Vorbildern so leider gezeigt, dass sie irgendwie gar nichts verstanden haben. Hier also lieber Original von 1978:

Und bevor sie Ihren Kindern DVDs vorspielen, die sie eigentlich noch gar nicht sehen sollten, spielen Sie lieber Verkleiden mit ihnen. Eine tolle Anregung dafür könnte dieser unglaubliche Video-Clip zu „Whip It“ von Devo sein (1980). Wer möchte danach noch einen Cowboyhut tragen??

Und zu guter Letzt das, was eine amerikanische Schulklasse aus dem Devo-Clip gemacht hat. Post-Punk kann Kinder begeistern, daran glaube ich fest.

Zum Weiterhören (auch für Erwachsene): Adam Ant, The B-52’s, Blondie, The Cramps, Violent Femmes, Talking Heads, PIL, Wire, The Stranglers, XTC, The Flys

Literatur: Rip it Up and Start Again: Postpunk 1978 – 1984 (Taschenbuch von Faber & Faber, London)