Wir wollen nur deine Zeit – Metallica in der modernen Welt

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Ich dachte, ich könnte es mir verkneifen, was über Metallica zu schreiben, die bekommen gerade genug Presse. Ich erinnere mich gut daran, dass meine Schwester, als ich sie so zirka 1979 fragte, warum sie sich denn nicht das neue Abba-Album kauft, mir sagte: „Och, die verdienen schon genug, die brauchen mein Geld nicht.“ Ein visionäres Statement, kann man heute sagen. Ein Einstellung, mit der die Musikindustrie (das Wort gab es damals nicht) nicht gut klar kommt, wenn Jugendliche sich Musik kostenlos aus dem Netz ziehen. Was sollte man sich auch um Metallica sorgen? Die Kerle haben über 100 Millionen Alben verkauft, damit haben sie hoffentlich was Vernünftiges angestellt, mehr Geld brauchen die nicht. Das wäre mal eine Idee: eine Art Höchsteinkommen für Musikmillionäre, haben sie die Schallmauer durchbrochen, gibt’s alles umsonst. „Verkauft gut, aber nicht zu gut.“ Ansage vom Plattenboss.

Über Metallica habe ich diese Woche einen Beitrag auf B5aktuell gehört. Wem das nichts sagt: Der Sender nennt sich selbst „Radio für die Infogesellschaft.“ Ich schalte ihn morgens ein, weil ich mir dort nicht erst einen Telefonstreich anhören muss, bevor ich erfahre, dass Dinosaurier den Münchener U-Bahnverkehr lahm gelegt haben oder George Bush Guantanamo zur Pilgerstätte erklärt haben möchte. Man bekommt eben sehr schnell einen guten Überblick über die Weltlage. Und diese Woche wusste man sogar schon vor 8 Uhr morgens, dass ein neues Trashmetal-Album erschienen ist, dass gar nicht so schlecht sein soll. Das war also damit gemeint, als der Redakteur der Süddeutschen Zeitung am neuen Metallica-Album zumindest lobte, dass es als Wolf im Schafspelz etwas Unruhe in den Mainstream bringt. Da schäumt die Zahnpasta im Alt-68er-Haushalt, da runzelt sich die ein oder andere hohe Stirn beim Kämmen der Hinterkopfhaare. „Death Magnetic“ hat eingeschlagen!

Das Album hat sich mittlerweile dreist auf die Spitze sämtlicher Charts gesetzt. Eine Erklärung dafür kann man sich sparen, mehr Begeisterung später, siehe das Abba-Beispiel oben.

Zwischen 2000 und 2001 war Metallica fast nur im Gespräch, weil sie sich wegen der illegalen Downloads mit Napster angelegt hatten. Drummer Lars Ulrich hatte sich damals koksnervös in Interviews vehement gegen das Filesharing ausgesprochen. Hat alles nichts genutzt, denn umsonst bekommt man den Metallica-Katalog nach wie vor, wenn man will. Die Band sieht das alles mittlerweile relaxter und hat das Internet als tolle Promomaschine entdeckt, bieten auf ihrer Website Zusatzmaterial für registrierte Benutzer an und so weiter. Metallica im Einklang mit der schönen neuen Welt.

Doch just diese Woche hat die Plattenfirma ein Interview der Band mit einem schwedischen Journalisten abgesagt, weil der in seiner 3-von-5-Sterne-Review auf das komplette Album als Torrent-Download verlinkt. Dabei handelte es sich um eine gekürzte Fassung von „Death Magnetic“, die ein Fan angefertigt hatte: Alle Songs um zwischen eine und vier Minuten schlanker gemacht. So hätte man den neuen Output von Metallica gerne gehört, lobte der Redakteur das, was der Fan namens Hench da zusammengestückelt hatte und was sich mittlerweile unkontrolliert über die Welt verteilen kann. Ulrich knirscht sicher schon wieder mit den Zähnen.

Vielleicht auch schon deshalb, weil man gerade herausgefunden hat, dass die Guitar-Hero-Version von „Death Magnetic“ angeblich besser klingen soll als die CD. Man hat es also nicht leicht als Gutverdiener im Rock-Business. Der hohe Lohn ist am Ende doch ein gerechter?

Nicht vergessen: Über all dem schwebt eine handgemachte neue Platte von Metallica, vielleicht die beste seit „…And Justice For All“ (1988). Eine, die man vielleicht auch sein Leben lang hören kann. Die viel Zeit in Anspruch nimmt, bis die volle Wirkung einsetzt. Was Metallica vielleicht im Grunde immer verteidigt haben, ohne es zu wissen, ist diese kostbare Zeit, die man sich nehmen sollte, um mit dem neuen Album seiner Lieblingsband vertraut zu werden. Wer stört oder dazwischen quatscht, soll bitte vor die Tür gehen.