Alban sagte nein zu Lenny

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Hatte auch ohne Lulu genug zu tun: Leonard Bernstein 1955

Am 24. August 2008 wäre Leonard Bernstein 90 geworden. Da der Termin aber in die sogenannten Theaterferien fiel, geht es allerorten jetzt erst los mit den Konzerten zu Ehren des legendären Dirigenten, Komponisten, Pianisten und Lehrers. Er war eine der großen Gestalten im Musikbetrieb, wie er das heutige „Business“ von Anfang an oft abschätzig nannte. Nach dem Fall der Berliner Mauer änderte er bei einer Aufführung von Beethovens Neunter kurzerhand den Text von Friedrich Schillers „Ode an die Freude“ in „Ode an die Freiheit“ („Ich bin sicher, Beethoven würde uns zustimmen“). Vielleicht gibt es deshalb in Berlin-Hellersdorf sogar ein Gymnasium mit seinem Namen (leider heißt die Schule seit Anfang September 2008 wegen einer Fusion nur noch „Neues Gymnasium“).

Er galt als wichtiger Referenzdirigent für die Werke von Mahler, Schumann und Beethoven, komponierte aber auch selbst Symphonien und Musicals, darunter natürlich die legendäre West Side Story. In seinen unzähligen Vorträgen, die gesammelt auch hin und wieder in Buchform erschienen sind, trat er immer als leidenschaftlicher Verfechter der Liebe zur Musik auf. Zuviel Theorie war ihm unheimlich, schmückte sich ein Gesprächspartner unnötig mit berühmten Komponistennamen, konnte er auch mal pampig werden.

Eine Anekote, die laut Sequenza 21 vor ein paar Tagen im New Yorker Radio wieder zum besten gegeben wurde, erzählt, wie Lenny einmal nach einem Konzert in Wien von einer kleinen, alten Dame angesprochen wurde, die sich ihm als Helene Berg, die Witwe von Alban Berg, vorstellte. Berg war ein Komponist der Zweiten Wiener Schule, die, von Arnold Schönberg begründet, zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts mit ihren Aufführungen zwischen Atonalität und Zwölftonmusik zum Bildungsbürgerschreck und größten Wurf seit der Oper Wagners wurde – und Wien damals zur Hauptstadt handfester Musikskandale. Doch Alban Berg starb schon 1935 und hinterließ eine nicht ganz fertige Oper namens „Lulu“. Helene Berg hatte erst Schönberg angeboten, die Oper zu vollenden. Der akzeptierte zunächst, ließ die Arbeit daran jedoch wieder fallen, als er merkte, wie zeitraubend das Ganze war. Am Ende hat selbst Helene vor ihrem Tod 1976 die fertige Oper nicht gehört.

Wieder backstage bei Leonard Bernstein: Helene schlägt ihm vor: “I sink zat maybe you should finish Lulu. I vill go home and ask Alban.” Helene sprach oft auf Seancen zu ihrem toten Mann. Ein paar Tage später berichtete sie Bernstein: “I asked Alban about Lulu. Alban sagte nein.”
Der Satz wurde von da an in Lennys Leben zum geflügelten Wort. Seitdem hieß es im Bernsteinschen Haushalt zu jeder passenden Gelegenheit: „Alban sagte nein.”

„Noch einen Nachschlag?“
„Danke, es ist köstlich, aber Alban sagte nein.”

Auch in Kreisen von Musikliebhabern eine glänzende Entschuldigung, die ich gerne öfter hören würde. Zum Beispiel, wenn Ihnen folgende Termine nicht passen:

12. Oktober 2008
Münchner Rundfunkorchester: <a href="http://origin-www.br-online.de/br-klassik/muenchner-rundfunkorchester/konzert-termin-ulf-sc…„>Leonard Bernstein zum 90. Geburtstag
31. Oktober 2008
Kölner Philharmonie: In Memoriam – Leonard Bernstein
16. November 2008
Deutsches Symphonieorchester Berlin: Das Beste von Leonard Bernstein

Zum Vorglühen hier ein Stück aus Bernsteins erstem Musical „On the Town“:
Times Square – On the Town – Leonard Bernstein