Rostropowitsch, von Ranicki empfohlen

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Marcel Reich-Ranicki hat das Publikum der Gala zum Deutschen Fernsehpreis übel vor den Kopf gestossen und die Millionen (wenn es hoch kommt) vor dem Bildschirm mal wieder verblüfft. Denn auch nach dem Abspann der Sendung war vielen immer noch nicht klar: Wer ist dieser Rostropowitsch?

Natürlich schaut man schnell bei Wikipedia nach, damit man beim Bürotalk am nächsten Morgen nicht ganz so dumm dreinschaut wie Ingolf Lück oder Christiane Hörbiger in dem Moment, als Reich-Ranicki seinen Thomas-Bernhard-reifen Sermon von der Kanzel lässt (er hat das schöne Wort „widerwärtig“ leider nicht gebraucht, wie es die BILD auf der Titelseite gehört haben möchte, leider). Und wir finden heraus, Mstislaw Leopoldowitsch Rostropowitsch war „einer der bedeutendsten Cellisten aller Zeiten“, außerdem Dirigent und Komponist, ein Schüler von Schostakowitsch und Prokofjew, und ein für das russische Regime schwieriger Zeitgenosse, der einen Tag nach dem Fall der Mauer nach Berlin reiste und am 11. November 1989 am Checkpoint Charlie für die wiedervereinigten Deutschen Cello spielte. Jemand also, den wir kennen sollten.

Ranicki hat recht, Rostropowitsch treffen wir heute gegen GEZ-Gebühr nur noch auf ARTE und manchmal auch auf 3Sat. Sein sehr lesenwertes, schmales Buch mit dem Titel „Die Musik und unser Leben“ bekommt man im Handel unglücklicherweise nicht mehr. Dort erzählt Rostropowitsch unter anderem von einer Musikreise, die ihn in jungen Jahren durch viele russische Dörfer geführt hat. Er verblüffte die Einwohner mitunter schon durch seine Anwesenheit – einen leibhaftigen Musiker hatte man dort noch nie gesehen:

„Ich setzte mich mitten unter die Dorfbewohner und erzählte ihnen die Geschichte der Instrumente. Anschließend erklärte ich ihnen, was man unter einem Nocturne versteht, und spielte ihnen auch gleich ein Nocturne von Tschaikowsky vor. So führte ich sie ganz behutsam zur Musik hin. Hätte ich mit dem Vortrag von Bachs Solosuiten begonnen, wären sie restlos überfordert gewesen und sie hätten sich gesagt: ‚Das ist wirklich sterbenslangweilig. Er bewegt den Arm und kratzt auf irgendeinem Ding herum, aber was er tut, begreift kein Mensch.'“

Mstislaw Rostropowitsch (Cello): Bach – Cello Suite No.1, Prelude

Boris Berezovsky (Piano) und  Alexander Kniazev (Cello): Tchaikovsky – Nocturne Op.19-4