Martin Stadtfeld im Interview: „Das klassische Konzert muss wieder indie Mitte der Gesellschaft“

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Fotos: Sonja Werner

Deutschlands derzeit erfolgreichster Klassikpianist Martin Stadtfeld im Interview. Seiner Leidenschaft für Bach, Beethoven und Schubert lässt er im Spiel wie im Gespräch freien Lauf. Er hat eine Mission: Klassische Musik ist notwendig – denn in ihr herrscht kein Zeitgeist, der uns auf die Probe stellt. Regelmäßig setzt Stadtfeld sich mit Schülern zusammen und lotet aus, welche Antworten die großen Komponisten auf ihre innersten Fragen und Gefühle haben. Gerade erschienen ist seine Einspielung des „Wohltemperierten Klaviers“ von Johann Sebastian Bach. Für seine letzte CD mit zwei Schubert-Sonaten hat er kurz nach unserem Gespräch den Echo Klassik bekommen, sein vierter mittlerweile.

Wie muss man sich das vorstellen, wenn man zum vierten Mal den Echo verliehen bekommt? Stellt sich da eine gewisse Routine ein?

Jetzt eben gerade nicht, da ich mich sehr darauf freue, auch bei der Gala mitzuwirken. Es ist zwar jetzt schon das vierte Mal, aber in diesem Jahr trete ich zum ersten Mal auch dort auf, zusammen mit einer wirklich großartigen Besetzung. Der Echo Klassik krönt ja eine erfolgreiche CD-Aufnahme, in die man alles hineingelegt hat, was man zu diesem Zeitpunkt ist und kann. Ich kenne nicht Intensiveres als die Arbeit an einer CD. Wie ein Kind hängt man daran und so tut man sich auch schwer damit. Und irgendwann muss man sie rausgeben, so wie man Kinder irgendwann in die Welt schickt. Dem geht ein sehr langer Prozess voraus. Wenn diese CD dann gut ankommt und man positive Resonanz bekommt, dann ist eigentlich das Ziel erreicht. Wenn dann noch ein Schallplattenpreis aus heiterem Himmel dazukommt, dann ist das noch einmal eine besondere Bestätigung und Freude.

Auch schon mal darüber nachgedacht, einen Preis abzulehnen oder nicht anzunehmen?

Ich habe außer dem Echo keine Preise bekommen, um die ich mich nicht beworben hätte. Sprich, Klavierwettbewerbe, an denen ich teilgenommen habe.
Grundsätzlich gebe ich Reich-Ranicki recht mit seiner Fernsehschelte. Es ist in der Tat eine Katastrophe, was man dort angeboten bekommt. Aber die Echo-Verleihung will ich da wirklich ausnehmen, das ist wirklich noch sehr gute Fernsehunterhaltung. Dagegen kann niemand was haben. Der Abend ist eine gute Sache, um klassischer Musik ihren Platz in der Gesellschaft zu sichern. Ich habe gestern übrigens gehört, dass sich 89 Prozent der Deutschen überhaupt nicht für Kultur interessieren. Dann ist es doch immer noch in Ordnung vom ZDF, wenn es eine Sendung wie die Echoverleihung um zehn Uhr abends sendet.
So oder so wenden wir uns an eine kleine Zielgruppe. Die Klassik kommt schon wieder mehr, aber da darf man sich auch nicht allzu sehr täuschen lassen. Leute wie Anna Netrebko, das sind auch wieder Stars anderer Art. Die machen was ganz anderes als ich. Oper ist in einer Weise popularisiert, dass sie mit der klassischen Musik, die ich spiele, auch nicht mehr so viel zu tun hat. Wenn man an die Stadionauftritte denkt, und all das, was übers Fernsehen gepusht wird. Das sind auch immer die gleichen Verdächtigen, die haben einen ganz anderen Beruf als ich. Dass sich tendenziell mehr Leute für Klassik interessieren, heißt auch nicht unbedingt, dass sich auf einmal viel mehr für einen Klavierabend entscheiden.

Welchen Platz kann die klassische Musik in unserer Gesellschaft denn heute überhaupt noch einnehmen? Das Weihevolle und Feierliche, wie viel hat das eigentlich mit unserem Leben heute noch zu tun?

Erst einmal nicht mehr so viel. Unser Leben spielt sich ja nicht mehr in dieser Form ab, dass wir viel Zeit hätten oder überhaupt die Bereitschaft haben, uns Momenten irgendwelcher Art hinzugeben. Doch dadurch entsteht auch wieder eine Sehnsucht gerade nach so etwas, das sieht man ja auch in vielen anderen Bereichen. Sehnsucht nach Ruhe, Hingabe und Konzentration auf etwas, ohne Ablenkung. Das kann man natürlich nirgendwo wunderbarer bedienen als zum Beispiel in einem klassischen Klavierabend, wo man tatsächlich einfach nur da sitzt und sich völlig fallen lassen muss in das, was man hört. Ohne die Möglichkeit, sich schnell wieder abzulenken oder andere Reize zu suchen, wie wenn man es abends vor dem Fernseher kann, wenn einen ein Programm nicht innerhalb von drei Sekunden zu fesseln vermag. Bei einem Klavierabend wird man ein bisschen gezwungen in diese Situation. Aber man kann sehr dafür belohnt werden, wenn man aus der unglaublichen Schönheit dieser Musik wieder Kraft gezogen hat und man feststellt, dass man durch ein solches Konzert eigentlich sehr bereichert wird. Es ist ja auch kein Zufall, dass damals so viel mehr Musik dieser Art entstanden ist. Die Menschen hatten nun mal eine ganz andere Herangehensweise an ihr Leben.

Die Gelegenheit, solche Musik zu hören, war ja nun mal das Konzert. Sonst gab es eigentlich keine anderen Möglichkeiten.

Es gab die Oper und das Konzert. Durch die CD erübrigt sich für viele Menschen der Gang in das Konzert, was eigentlich sehr schade ist. CDs sind schön und gut, aber im Konzert fußt das Ganze. Das ist auch eine wichtige Botschaft, die ich verbreiten möchte. Ich sage ja nicht, klassische Musik ist geil, da geht die Post ab. Vielleicht muss ich auch erst einmal festlegen, was Klassische Musik ist. Ich spreche in diesem Zusammenhang am liebsten von Bach, Mozart, Beethoven und Schubert. Die moderne Musik von vor hundert Jahren, zum Beispiel die von Prokofieff, ist zum Teil heute noch genauso verstörend wie damals. Da wurde ein grad an Moderne erreicht, der ohnehin nicht mehr zu überbieten ist. Wenn ich heute eine Prokofieff-Toccata im Konzert spiele, dann hat das genau den gleichen verstörenden Effekt wie damals, als diese Musik noch etwas Revolutionäres hatte. Wenn heute eine Mahler-Symphonie gespielt wird, dann gibt es immer noch Leute, denen das zu modern ist. Damals ist man an einem Punkt gewesen, an dem die Modernität erreicht war. Das hätte sich weiterentwickeln können, wenn dann nicht die Zerschlagung der Tonalität stattgefunden hätte und die Menschen dadurch den Bezug zur klassischen Musik verloren hätten. Von da an hat sich die Musik nur noch an ein paar wenige Freaks gerichtet.

Finden Sie das schade, dass Schönberg, Berg und Webern die Musik damals so krass verändert haben?

Ja, das finde ich schade. Ich kann diesem Weg überhaupt nichts abgewinnen, mit einigen Ausnahmen natürlich. Das Opus 1 von Alban Berg habe ich selbst schon für eine CD aufgenommen. Ein wunderbares Werk, ein Stück aus seiner frühen Phase. Wenn sich die Musik in dieser Richtung weiterentwickelt hätte, das hätte noch zu ganz neuen Blüten führen können, denke ich.
Nachdem über Jahrhunderte hinweg ein Gestalten der Musik stattgefunden hatte, in völlig unterschiedlichen Formen, hat man durch dieses Zerstörerische die Musik zerschlagen, ihr jede Grundlage entzogen, und damit auch jede Grundlage, modern sein zu können. Das ist wie wenn es in einer Gesellschaft keine Tabus mehr gäbe, dann gibt es auch nichts mehr, an dem man sich gesellschaftlich reiben könnte. Die Form muss zuerst einmal da sein, und dann kann auch die Provokation kommen. Nur woher soll die Provokation kommen, wenn sowieso alles egal ist? Wenn es in der Musik egal ist, wenn ich Geräusche erzeugen kann und sage: Das ist meine neue Komposition – dann spielt sich das alles in einem luftleeren Raum ab.
Heute kann man einfach nur versuchen, den Leuten die Musik von Bach, Mozart, Beethoven und Schubert zu vermitteln. Das sind Komponisten gewesen, die so Großes geschaffen haben, dass sie uns auch in unserer Neuzeit noch sehr bereichern können. Die Musik kann uns Kraft geben, kann in uns Gefühle wecken, die oft zu sehr im Verborgenen liegen. Wir kommen ja schon gar nicht mehr dazu, unsere Gefühle zu leben. Man kann seine Zeit heute auch viel sinnvoller investieren …

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Michael Ende hat sogar mal gesagt, Kultur ist eine Sache von Leben und Tod, eine lebensgefährliche Sache.

Man hat bei vielen Menschen das Gefühl, es geht ihnen nicht schlecht, es geht ihnen nicht gut, sie sind zufrieden, man kann nicht klagen. Es passiert zwar nie irgendetwas Außergewöhnliches in deren Leben mehr, und das muss es ja auch nicht, aber im Inneren plätschert alles so vor sich hin. Ich finde, da kann klassische Musik auch einen mit sich selbst konfrontieren, mit dem, was man eigentlich ist, mit dem, was einen als Menschen ausmacht. Es sind die kraftvollen Momente, die diese Musik schaffen kann.

Wie erklärt man so etwas heute Jugendlichen und Kindern, die man für die Musik begeistern möchte?

Das ist eigentlich ziemlich leicht. ich spiele ihnen eine Stück von Bach vor oder mehrere Stücke, wo Bach den Emotionen, die Kinder und Jugendliche gut kennen, einen Ausdruck gegeben hat. Dann spreche ich sie ganz gezielt darauf an: „Ihr kommt doch auch manchmal nach Hause, schmeißt euren Schulranzen in die Ecke und fühlt euch alleine und seid traurig, dass keiner versteht, was in euch vorgeht.“ Wenn wir ein Stück von Bach hören, wo er genau so etwas zum Ausdruck bringt, dann kann das trösten. Und das verstehen Kinder und Jugendliche sehr wohl. Die sind noch lange nicht so weit, dass sie ihre Emotionen abgestellt hätten. Sie erleben ja noch die ganze Palette von Gefühlen, die es gibt. Und sie haben es auch nicht besonders leicht heute, beispielsweise an einer deutschen Hauptschule. Viele sind schon viel zu früh auf sich alleine gestellt.

Wie kann man den Leuten denn das Selbstbewusstsein geben, damit man sich in einem Konzert nicht vorkommt wie Ungebildeter unter vielen Gebildeten?

Das kann man nicht erzwingen. Das Konzert ist ja auch eine gesellschaftliche Sache. Man orientiert sich immer an dem eigenen, gesellschaftlichen Hintergrund. Und wenn aus meinem Umfeld niemand ein klassisches Konzert besucht oder vielleicht besuchen würde, dann werde ich es wahrscheinlich auch nicht machen. Wenn das Konzert nicht in der Mitte der Gesellschaft ankommt, dann kann man den Leuten auch nicht sagen, das wäre dort alles ganz locker und cool. Denn dann sitzt man im Konzert und um einen herum sitzen Leute, die sind nun mal weder locker noch cool.

Sehen Sie das als Ihre Mission?

Ja, ich glaube auch, dass ich durch mein Alter und dadurch, dass ich ein Mensch von heute bin, viele Menschen erreichen kann. Ich lebe ein relativ normales Leben. Die Musik, die ist das Abgehobene. Aber das ganze Drumherum, der Starkult und all das, das ist etwas, darüber werden wir hinaus kommen. Vielleicht werden wir uns irgendwann bald wieder mit allen Altersgruppen und Bevölkerungsschichten der Sache widmen, um die es eigentlich geht, nämlich der Musik. Es werden ja heute viele Bemühungen unternommen, den Kindern zu vermitteln, wie „cool“ diese Musik ist. Das bringt nur alles nichts, wenn derjenige nicht für sich persönlich und gesellschaftlich einen Hintergrund findet, der ihn dazu bringt, in ein Konzert zu gehen. Wenn wir in diesem Zusammenhang mal über die Leuten zwischen 25 und 45 reden: Man tut ja auch immer die Dinge, von denen man sich einen Mehrwert erhofft. Erst einmal natürlich ganz stark für sich selbst, und dann tut man es vielleicht auch bewusst gegen Widerstände oder damit man was zu erzählen hat. Jetzt stellen Sie sich mal vor, sie arbeiten irgendwo in einem Büro und erzählen, dass Sie am Abend vorher beim Madonna-Konzert waren. Da weiß jeder: Madonna-Karten, die  waren bestimmt teuer. Aber man war dabei. Wenn sie dagegen erzählen, sie waren gestern bei einem Beethoven-Klavierabend, dann ist das nicht ganz so aufregend. Das bringt einem nicht unbedingt einen gesellschaftlichen Mehrwert. Und die meisten Menschen hängen sehr stark davon ab.

Und wie kann sich das ändern?

Das kann sich dadurch ändern, dass auch bei den Kollegen im Büro die Erkenntnis durchsickert, dass klassische Musik durchaus etwas sehr Lohnenswertes ist. Nicht nur, dass man auch mal ganz gerne eine klassisch Platte auflegt, sondern wirklich auch den Mut hat, ein Konzert zu besuchen, das in der Grundstimmung unserem Zeitgeist zwar widerspricht, aber ich weiß, ich bekomme dadurch ein gewinnbringendes Erlebnis.

Dafür braucht man Mut?

Ich finde schon. Man braucht immer Mut, um etwas aus der Reihe zu unternehmen. Wenn ich nie in einer Diskothek war, dann brauche ich beim ersten Mal auch Mut dafür. Weil es erst mal ein fremdes Umfeld ist, in dem ich mich bewege. Natürlich brauche ich dazu Mut.

Ein berühmtes Zitat von Hans von Bülow lautet: „Die Präludien und Fugen des Wohltemperierten Klaviers sind das Alte Testament, die Sonaten von Beethoven das Neue Testament der Klavierspieler.“

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Ein schönes Zitat. Was mir daran nicht gefällt, dass durch den religiösen Verweis etwas sehr Weihevolles vermittelt wird, was darüber hinwegtäuscht, was für ein lebendiges, jungendfrisches Werk dieser erste Band der Wohltemperierten Klaviers ist. Es gibt diese wunderbaren, endlos fernen Fugen, und dann diese erdverbundenen, mitreißenden Virtuosennummern, die einen beim Hören wirklich glücklich machen. Das alles und viel mehr steckt in diesen Stücken. Ich werde sie in Zukunft oft in meinen Konzerten spielen. Sie sind abwechslungsreich, eine wahre Achterbahnfahrt der Gefühle. Dort steckt alles drin, was man fühlen kann als Mensch. Und es ist das, was klassische Musik im besten Sinne ausmacht, und eine Konzentration, dessen was Musik überhaupt ausmacht. Gerade diese Stücke, die lassen niemanden kalt. Mit Bach, der ja unter Musikern als sehr kompliziert gilt, erreicht man die Menschen immer noch am direktesten.

„Ins Innere der Seele“ – Martin Stadtfeld im Interview bei Vanityfair.tv