Schunkeln im Jammertal. Kollektive Beschaulichkeit auf Konzerten istunerträglich

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Habe mir gestern Abend im Münchener Feierwerk ein Konzert von Sophia angeschaut, allerdings nur bis zur Hälfte. Ungefähr acht Musiker inklusive Streichquartett haben es nicht geschafft, den gut gefüllten Saal aufzuladen. Eher wurde mit jedem der schleppigen Songs die Luft im Hansa 39 fader und dicker. Es gibt bestimmt gute Gründe, einen solchen Auftritt zu mögen, denn ich war scheinbar der Einzige, der es nicht mehr ausgehalten hat.

There Are No Goodbyes, das neue Album von Robin Proper-Sheppard, ist weder schlechter noch besser als die ebenfalls hörenswerten Vorgänger. Musikalisches Jammern auf hohem Niveau. Doch was wunderbar auf CD funktioniert, hat auf der Bühne nicht gezündet – oder es hat dort einfach nichts zu suchen.

Das Konzept des Kuschelkonzerts stelle ich hiermit zur Diskussion. Auf Festivals habe ich mir Radiohead meistens vom Bierstand aus angeschaut und auch nie richtig hingehört. Das Langweiligste, was ich jemals gesehen habe, war ein Auftritt von Lou Reed vor 15 Jahren. Da war er also noch gar nicht so alt. Kollektive Beschaulichkeit oder besser: Trägheit, das ist in einem Konzertsaal nicht auszuhalten. Ich habe klassische Konzerte gesehen, wo 2000 und mehr Zuschauer von einem Pianisten in den Bann gezogen wurden und mit wachen Ohren, wenn auch entrückt, auf ihren Sitzen einen Enthusiasmus versprühten, der mich für den ganzen Abend und länger fest im Griff hatte. Vor vier Wochen bin ich bei einer Händel-Oper während der Pause gegangen. Die Musik war erstklassig, nur habe ich klar gemerkt, dass ich nicht die Codes kannte, die mir die ganze Schönheit offenbaren. Aber ich konnte über 90 Minuten in dieser Musik nach etwas suchen, von dem ich wusste, dass es dort auf mich wartet. Das war enorm anstregend und für die zweite Hälfte fehlte mir einfach die Kraft. Ist natürlich unfair, den seit 250 Jahren beerdigten Händel mit einem eher unbekannten Rockmusiker aus unserem Jahrtausend zu vergleichen. Unfair eher für den letzteren.

Ein bißchen Inferno und Ekstase sollte man bei einem Konzert doch geboten bekommen. Ob jetzt durchs Tanzen, das Verfolgen einer anspruchsvollen Songarchitektur, unkontrolliertes Lachen oder – über kurze Zeit – auch gerne durch Pathos oder durch Empathie (was ja bei Radiohead ganz gut klappt, muss ich zugeben). Aber um sich herum alle nur entzückt wiegen und wippen zu sehen, das ist über die ganze Länge eines Konzertabends einfach nicht auszuhalten. Das ist genau das, was das „Fest der Volksmusik“ so unerträglich macht. Echt schön, die Musik. So könnt’s immer sein.

Dieses Unwohlsein hat mich zum ersten mal bei einem Tomte-Konzert erwischt. Damals war ich mir ganz sicher, dass die sogenannte Indie-Szene den Kreis zum Schlagerpublikum geschlossen hat. Thees Uhlmann’s Empfindsamkeitslyrik steht für mich im gleichen Regal wie die irren Texte, mit denen Christian Anders oder Michael Holm in ihren besten Jahren die Nation verschunkelt haben. Das Tomte-Publikum fühlt sich mit den Tomte-Songs im Kopf am richtigen Platz. Vielleicht ist alles noch viel schlimmer, als ich damals dachte. Oder ich habe etwas nicht verstanden.

Doch ich bin mir sicher, ich habe ihn gestern Abend wieder gehört, den gleichen wohligen Schunkelsound. Dann sollte man schauen, dass man wegkommt. Bier leer trinken und schnell raus. Das hilft.

Wovon redet der denn da eigentlich?
Hier ein Live-Clip von Sophia fürs bessere Verständnis der Sachlage: