Nicht von Pappe: Entschlacktes Lesen mit dem eReader. Nur beim Nachschub gibt’s Probleme

Gestern habe ich mein erstes komplettes eBook auf einem sogenannten Reader zu Ende gelesen. „Tage der Toten“ von Don Winslow ist ein Monster von einem Krimi, gespickt mit seitenweise Hintergrundinfos zu den Drogenkartellen in Mittel- und Südamerika und den schmutzigen Kriegen, die die USA in der Region finanziert und befeuert haben. Ein echter Lesegenuss, wenn auch bluttriefend. Interessant, wie ich manche harten Szenen nicht mehr aus dem Kopf bekomme. Diesen Effekt spricht man ja sonst nur Filmen zu. Am Ende klappt man für gewöhnlich einen solchen Roman zu und sieht an den zerlesenen Kanten, was man geleistet hat. 680 Seiten sind kein Pappenstiel. Diesmal war aber gar keine Pappe im Spiel.

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Ein eBook stellt man nicht zurück ins Regal. Bescheiden und unsichtbar bleibt die Datei zwischen den anderen in der Liste oder wird irgendwann sogar gelöscht, um wieder Platz zu schaffen (falls ich bei 1GB jemals in die Velegenheit komme). Ich hatte mir bewußt einen „Offline“-eReader ausgesucht, damit ich das Gerät nicht über 3G oder Wifi leichtfertig mit Büchern und Zeitschriften volllaufen lasse, die ich danach eh nicht lese. Der „CybookOpus“ von Bookeen hat auch keinen Stift, keinTouchscreen und mit 5 Zoll einen realtiv kleinen Bildschirm. Aber er ist handlich, leicht und macht in der Regel was man sich von ihm wünscht: Buch öffen, blättern, Buch schließen. Der Akku hält lange, laut Hersteller 14 Tage oder 8000 mal Umblättern. Soviel dazu. 

 

Alle die vermuten, das Leseerlebnis leide unter einem so pragmatischen Gerät, kann ich beruhigen. Das leise Knacken beim Umblättern hört man bald gar nicht mehr, man muss bei einem 5-Zoll-Bildschirm natürlich öfter zur nächsten Seite springen als beim Papier, aber auch das ist reine Gewöhnungssache. Der Reader „entschlackt“ für mich das Lesen. Weniger Bewegungen, weniger Kilos, die bewegt werden müssen, kein Lesezeichen, das ich mir vom Post-it-Block ziehe und ich brauche keine Tragetasche, wenn ich mal in der S-Bahn lesen möchte. Das alles hat mich vorher nicht gestört – aber ich vermisse jetzt nichts davon. Und das Vergnügen beim Lesen ist das gleiche. Es könnte sein, dass ich jetzt weniger schnell ermüde beim abendlichen Lesen oder dass ich schneller lese. Beides wären aber im Vorfeld keine Gründe gewesen zum eReader zu greifen.

 

Ich möchte einfach keine Bücher aus Papier mehr kaufen, zumindest deutlich weniger in Zukunft. Ähnlich ging es mir mit der Musik. Keine CDs mehr kaufen und in Regale stellen zu müssen, hat mir immer mehr gefallen. Die Vorteile von MP3-Downloads muss ich hier nicht erläutern, für die elektronische Tinte gilt vieles davon auch. Und auch die Paralelle zur Musikindustrie muss ich ziehen: Die Buchverlage sollten sich ganz schnell gut aufstellen. In meinen Suchergebnissen taucht kein Suhrkamp-Verlag auf, dabei geht es auf deren Website schon in eine gute Richtung. Aber dort kann man nur gedruckte Bücher bestellen. Das Vertriebsnetz für ebooks ist komplett ausgelagert zu libri.de, bol.de, buch.de, etc. Man arbeitet dran. Das macht mal schön. Und nicht nur ihr.

Was Bücher angeht ist Amazon für mich übrigens erst mal passé. Einen Kindle wollte ich nicht (Was soll ich mit einer Tastatur beim Lesen?) Aber bei Amazon bekomme ich mittlerweile meine Musik etwas preiswerter als bei iTunes. Wenn Sie jetzt noch die Wikileaks-Server wieder anschalten, wird der Warenkorb keinen Rost ansetzen.

Der Tipp zu „Tage der Toten“ kam übrigens vom Münchner Journalisten Alexander Kluy. An einem Abend im November hat er in der hier ansässigen Bücherein insgesamt 24 Titel sehr gut informiert und sprachgewandt vorgestellt. Die komplette Liste gibt es hier (dann doch bei Amazon).

 

 

  • Chris

    Super Bericht! Stimme voll mit Dir ueberein. eBooks sind die Zukunft. Ich habe schon seit zwei Jahren einen Kindle. Sehr praktisch und eigentlich bequemer als ein Buch. Gerade wenn man viel unterwegs ist. Der Kindle hat allerdings auch sehr gute Vorteile. Die Tastatur ermoeglicht es Notizen zu machen. Klasse Sache.

  • heibie

    Hier gibts Nachschub für den Reader und den Umbruch: http://pdfcast.org/pdf/der-kommende-aufstand