„Selbst dran schuld“ ist keine Position

Die 19-jährige Femen-Aktivistin Josephine Witt wurde nach einem Oben-ohne-Protest in Tunis Ende Mai verhaftet und zusammen mit zwei französischen Mitstreiterinnen zu einer Haftstrafe von vier Monaten verurteilt. Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Markus Löning berichtete nach einem Besuch im Gefängnis SPIEGEL ONLINE über die Haftbedingungen. Josephine Witt teilt sich demnach mit 29 anderen Frauen eine Zelle.

Das ist mehr oder weniger das, was man als Spon-Leser heute Vormittag zum Frühstück aufgetischt bekommt, und damit man auch seinen Spaß dran hat läuft das Ganze unter der Überschrift „Damit hat sie nicht gerechnet“. Journalisten und Verleger wissen um die Schwächen der Deutschen und wann die Leser sich nicht zurück halten können mit Kommentaren zum Thema. Neben Benzinpreiserhöhungen gehören dazu natürlich Fußballergebnisse und als dritte Sportart: Häme. Und wenn wir auch sonst so friedlich geworden sind in den letzten 60 Jahren, so lassen wir uns zwei Harte Sprüche nicht nehmen: „Stell Dich nicht so an“ und „Selbst dran schuld“.

Mit solchen Kommentaren hat man hier jede Diskussion gewonnen, denn Sie vermitteln ohne Umschweife meinem Gesprächspartner meine Bodenständigkeit und meine Urteilsfähigkeit mit einem gesundem Menschenverstand. Dazu kann man unmöglich Nein sagen.

In der Liste der Kommentare unter dem oben erwähnten Artikel fällt der sehr hohe Anteil an Lesern auf, von denen jeder in abgewandelter Form dasselbe sagt, aber man bemüht sich irgendwie trotzdem um eine einzigartige Position:

Dummheit und Nichtwissen schützt nicht vor Strafe.

Dann ist sie naiver als gedacht.

Ganz schön naiv die Kleine.

die aktivistinnen sind mit 26 anderen frauen in einer zelle? dann sind sie wenigstens net allein… 😉

Das ist schon sehr lustig…!
Da hat doch ein tunesisches Gericht sich die Freiheit genommen, nach Landesgesetzen ein Urteil zu fällen…Wenn man denn nicht mit solchen Urteilen in Tunesien rechnet, wogegen richtet sich dann der Protest?

Und dann überrascht sein ? ( Grübel )

„Niemandes Gefühle verletzen wollen“ und das mit nackten Titten mitten in Tunis ? (Grübel )…

Das geht so über mehrere Seiten. Hier werden Haltungsnoten für eine Aktivistin verteilt, mit der man möglichst nichts zu tun haben möchte. Zwischendurch ein paar einzelne Stimmen, die daran erinnern, dass es hier um eine 19-jährige Frau geht, die gerade vier Monate in einem tunesischen Gefängnis absitzt, weil sie in der Öffentlichkeit ihre Brüste gezeigt hat. Kein Wort darüber, dass man sich für eine Landsmännin einsetzen könnte, die (wenn auch zugegeben ein bisschen überhitzt) sich doch nur für Frauenrechte eingesetzt hat, die alle Frauen (und Männer) in unserem Land schon lange genießen? Selbst „richtige“ Frauenrechtlerinnen halten nichts von der Aktion, dann kann das ja nichts sein. Nicht Aufmunterndes wie „Wir holen Dich da raus!“ und keine Verlinkung zur Online-Petition (nur knapp 1000 Unterstützer).

Da weht ein ähnlicher Geist wie im Fall Kurnaz, als SPD-Außenminister Steinmeier einen in Deutschland aufgewachsenen Türken, der von den USA nach Guantanamo gebracht wurde, über Jahre hinweg im Stich ließ. Man will sich nicht vorstellen, wie man selbst behandelt werden würde, wenn man sich für etwas weniger populäres und „unstrittigeres“ als Strompreise, Autobahn-Tempolimit oder misshandelte Hundewelpen einsetzt. Keiner wäre da, der einen aus der Scheiße holt. Selbst dran schuld, sagen sie, die Daheimgebliebenen, und wenden ihre Würstchen auf dem Gasgrill.

Wenn man die Aufstände in Syrien, in der Türkei oder in Ägypten bejubelt, dann kann man auch eine Josephine Witt gut finden. Mit 19 Jahren hatte meine Generation vielleicht gerade mal Abi. Aber ganz bestimmt einen Führerschein und ein eigenes Auto. Niemand wäre damals ernsthaft auf die Idee gekommen, in ein fremdes Land zu reisen, um dort Rechte von Frauen zu verteidigen. Das mögen wir heute vielleicht sogar ein bisschen bereuen, wenn wir von solchen Aktionen lesen, die weltweit stattfinden. Kann sein, dass die Häme ihren Ursprung darin hat.

Wie auch immer, wer nur mit der Schulter zuckt, hat nicht unbedingt recht. Und erst recht ist er niemand, an dem man sich ein Vorbild nehmen sollte. „Selbst dran schuld“ und „Stell Dich nicht so an“ sind bei jeder Gelegenheit Nicht-Positionen, die ein intelligentes Gespräch erst gar nicht aufkommen lassen oder im Keim ersticken. Darauf folgt dann meistens der Rückzug in die Komfortzone. Und jetzt: das Wetter.

Wikieintrag zu Josephine Witt (zur Löschung vorgeschlagen, Stand: 18. Juni 2013)