Ein roter Regenschirm ist was Tolles

Frederick Ashton’s Ballett La Fille mal Gardée gehört zu den Klassikern des Genres. Obwohl in dieser Form erst 1960 uraufgeführt, hat man es mit einem gut gealterten Stück aus dem 18. Jahrhundert zu tun. Bei genauerem Hinsehen fallen einem aber die modernen Töne auf. Darunter am auffälligsten ist die Rolle des Alain, eigentlich der Verlierer in der einfach gestrickten Liebesgeschichte.

In seiner ursprünglichen Form, mit der Choreographie von Dauberval und Musik von einem anonymen Komponisten, hatte Fille seine Premiere in Bordeaux im Jahr 1789 – zwei Wochen vor dem Fall der Bastille. Nach einer handvoll verschiedener Fassungen verblasste sein Ruhm langsam, bis 1960 der englische Choreograf Sir Frederick Ashton sich dafür begeisterte und den Repertoires der Ballettbühnen die bisher schönste und tänzerisch anspruchsvollste Bearbeitung schenkte.

Schon in seiner Urform war La Fille mal Gardée eines der ersten Ballette mit „echten“ Menschen, keine Götter oder Herrscher standen im Mittelpunkt. Held und Heldin sind ein gewöhnliches junges Paar, und die Handlung ist eine einfach gestrickte „Boy meets Girl“-Story. Eine Liebesgeschichte, die zuckersüßer nicht sein kann und in den falschen Händen zu etwas sehr Banalem werden kann. Es gibt sogar ein Pony auf der Bühne und die Tänzer wickeln sich ständig gegenseitig Bänder um die Körper. Aber hinter der leichten Fassade verbirgt sich ein Meisterwerk, das alleine tänzerisch so anspruchsvoll ist, dass viele Kritiker nach der Premiere 1960 Zweifel hatten, ob es in Zukunft genug gute Balletttänzer geben würde, die das Stück würden meistern können.

Dass sie sich zum Glück geirrt haben, davon konnte man sich jetzt gerade wieder (und zum 165. Mal) im Münchener Prinzregententheater überzeugen. Das Bayerische Staatsballett hat auch eine Schar junger Freunde, die Familienvorstellung am Sonntag Nachmittag war ausverkauft. Im Publikum saßen einige Nachwuchstänzerinnen, die den Profis aufmerksam auf die Zehen schauten, sich aber auch mit Lachern und Kieksern nicht zurück hielten. Besonders gut kam bei ihnen die Figur des Alain (Ilia Sarkisov) an.

Alain ist der Sohn von Michaud, einem reichen Müller. Er soll nach Wunsch seines Vaters mit Lise verheiratet werden. Auch Marceline, Lises Mutter, eine vermögende Bäuerin, treibt das voran. Doch Lise hat sich längst für Colin entschieden, einen jungen Bauern im Dienst ihrer Mutter. Die Liebenden versuchen den Willen der Mutter zu umgehen und tanzen sich hartnäckig in ihr Glück.

Alain hat von Anfang an ganz schlechte Karten und kann bei Lise keinen Blumentopf gewinnen. Er kann ihr nicht mal einen Blumenstrauß überreichen, ohne sich zu Gespött zu machen. Aber er steckt die Demütigungen über die ganzen zwei Stunden tapfer weg und lacht dazu, Hauptsache man lässt ihm seinen roten Regenschirm, hinter dem sich der Tänzer mitunter komplett versteckt hält.

Frederick Ashton selbst hat über Alain gesagt,

„dass dieser debile Junge, gerade weil er zwischen Wahn und Realität lebt, eine besondere Herzenswärme, Hingabe und Liebe besitzt. Um eine glaubhafte Interpretation zu bringen, darf man ihn deswegen nicht nur als Behinderten tanzen, man muss ihn auch mit Herzlichkeit und Charme auf die Bühne bringen.“

So erzählt Ferenc Barbay, der den Alain 1971 in München tanzte. Damals kam Ashton für drei Wochen in die bayerische Hauptstadt und leitete die letzten Proben von La Fille mal Gardée selbst. Von Barbay auf den genialen Schluss angesprochen, bei dem Alain, nachdem alle bereits die Bühne verlassen haben, noch mal zurückkommt, um seinen roten Schirm zu holen, gibt Ashton ihm zur Antwort:

„Er hat die große Liebe seines Lebens verloren. Aber es gibt noch den Schirm, den er sehr liebt. Ein schöner Regenschirm ist auch etwas Tolles, er schützt uns.“

Ein roter Regenschirm, der als Zuflucht dient. Da fallen mir gleich die roten Schuhe („Ruby Slippers“) von Dorothy aus “Der Zauberer von Oz“ (1939) ein:

Um in einer Geschichte auf eine besondere Person hinzuweisen, ist ein roter Regenschirm oder ein rotes Paar Schuhe ein ziemlich großes Ausrufezeichen. Ich bin mir sicher, dass Frederick Ashton noch mehr zu Alain auf Lager hätte, wenn man ihn noch fragen könnte. Zwischen all den Blumen, Bändern und Neckereien um die Fille mal Gardée sticht Alain als eine fast moderne Figur heraus. Er verliert den Boden unter den Füßen, aber kommt schnell darüber hinweg. Sein „Zuhause“ trägt er mit sich und es bedeutet ihm Alles. Für die traditionelle Mann-Frau-Beziehung scheint er nicht geschaffen. Aber er trifft den Nerv des Publikums, als einzige Figur wirkt er nicht historisch, sondern nimmt beinahe im Zuschauerraum Platz, so weit entfernt wirken alle anderen.

„There is no place like home“, das könnte ein Satz von Alain sein. Aber im Ballett wird weder gesungen noch gesprochen. Dort spannt Alain seinen roten Regenschirm auf und wird – wie Dorothy und wie der fliegende Robert – vom Sturm mitgerissen.

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Die Zitate habe ich dem Programmheft zur Aufführung entnommen. Eine komplette Aufführung von La Fille mal Gardée gibt es bei YouTube