Der vantilatör ist hier kein aksesuar

Fremdsprachen sind uns selten komplett fremd, erst recht nicht in Europa. Die Türkei ist dabei so etwas wie ein sprachliches „Übergangsland“ zu Arabien und Asien. Wer hier im Urlaub aufmerksam die Schilder liest, der freut sich über Wörter wie „otel“, „pansiyon“, „frisör“ oder „butik“. Und wer noch ein paar mehr französische Vokabeln beherrscht, dem ist auch das „motosiklet“ vertraut, genauso wie der „papyon“ oder die „şezlong“. Alles offiziell türkische Wörter, die schon lange ihren festen Platz im „Büyük Türkçe Sözlük“ (Großes Türkisches Wörterbuch) haben, zusammen mit zirka 4970 weiteren Begriffen französischen Ursprungs.

Zurück geht das auf die kemalistische Sprachreform, die nach der Gründung der Türkischen Republik 1923 „fremde Lehnwörter durch teils bereits vorhandene, teils neugebildete türkische Wörter“ ersetzte. Das französische Vokabular kam aber teilweise schon im 19. Jahrhundert hinzu, Wörter englischer (und auch deutscher) Herkunft dann ab dem 20. Jahrhundert. Die guten Beziehungen zu Frankreich (bis heute zusammen mit England und Deutschland die wichtigsten europäischen Außenhandelspartner), geht vermutlich zurück auf die Zeit des Krim-Krieges (1853–1856), in dem Großbritannien, Frankreich und das Königreich Sardinien auf Seiten der Osmanen kämpften: „Der Versuch Russlands, sein Gebiet zu Lasten des zerfallenden Osmanischen Reiches zu vergrößern, wurde durch den Einsatz Großbritanniens und Frankreichs verhindert.

Im darauf folgenden Frieden von Paris (1856) „wurde die territoriale Unabhängigkeit und Unverletzlichkeit des Osmanischen Reichs garantiert. Im Friedensvertrag wurde formuliert,

jeden Akt und jedes Ereignis, das die Integrität des Osmanischen Reiches in Frage stellt, als Frage europäischen Interesses zu sehen.“ (ebenfalls http://de.wikipedia.org/wiki/Krimkrieg)

Das liest sich schön, doch dann kam 1920 der Vertrag von Sèvres, einer der Vorortverträge, die den 1. Weltkrieg beendeten. Er „stellte die Existenz eines unabhängigen türkischen Staates insgesamt in Frage„. Für eine Weile gab es danach im Südosten der Türkei eine „Französische Zone“.

Das sind nach kurzer Recherche meine Eckpfeiler, die mir erklären sollen, warum gerade das Französische eine so große Rolle in der türkischen Sprache spielt. Wie erwähnt hat Kemal Atatürk, der große Architekt der modernen Türkei, die meisten der französischen Wörter während seiner Sprachreform den Türken ins Wörterbuch geschummelt, diese Entwicklung ging also nicht ihren „natürlichen“ Gang.

Französisch hat man im 19. Jahrhundert gerne gesprochen, um zu zeigen, dass man weltgewandt ist. Wer die russischen und deutschen Schriftsteller aus der Zeit gelesen hat, weiß genau was ich meine. Wollte Atatürk seinem Volk ein bisschen das nach dem ersten Weltkrieg eingeknickte Selbstbewusstsein aufpolieren und sie mit einem eleganten Vokabular gleich in die Mitte Europas stellen?

So ganz reicht mir das noch nicht, aber ohne einen vantilatör über mir ist an mehr Bloggen nicht zu denken. Also auf zum plaj!