Facebook-Verbot für Lehrer

Lehrer werden aus den sozialen Netzwerken vertrieben. Das können wir uns nicht leisten.

Lehrer dürfen über Facebook keinen dienstlichen Kontakt mehr mit ihren Schülern haben. Eine Umfrage der Nachrichtenagentur DPA ergab: Manche Bundesländer untersagen inzwischen die Lehrer-Schüler-Kommunikation auf Facebook für alle schulischen Belange. Ein schulisches Verbot von Facebook-Freundschaften zwischen Pädagogen und Schülern, wie es jetzt Rheinland-Pfalz beschlossen hat, wollen andere Bundesländer aber nicht.

Privat ja, dienstlich nein. So einfach stellen sich die Landesregierungen die Wirklichkeit vor. Als Hauptargument dagegen dient das Geschäftsmodell von Facebook  – die Auswertung persönlicher Daten für kommerzielle Zwecke – , das „mit dem Erziehungs- und Bildungsauftrag der Schule, nicht zu vereinbaren ist.“

Ich darf also davon ausgehen, dass in den Adressdatenbanken der Schulbuchverlage und Lernsoftwarefirmen keine einzige private Anschrift oder E-Mail von Lehrern und Schülern gespeichert ist? Bildungseinrichtungen und Lehrer bleiben verschont von Werbezusendungen? Mit ihrem aktuellen Beschluss „Verbraucherbildung an Schulen“ haben gerade zuletzt die Kultusminister aus Bund und Ländern der Wirtschaft die Türen zu den Klassenzimmern geöffnet. Und das alles vor dem sehr edlen Hintergrund, Schüler zu mündigen Verbrauchern zu erziehen.  „Werbung, Marketing und Sponsoring an Schulen sind in Deutschland längst Alltag und unzureichend reguliert. Einige Bundesländer fördern es ausdrücklich,“ beschreibt foodwatch.de den wachsenden Wirtschaftslobbyismus in den Klassenzimmern.

Mit dem Facbook-Verbot werden Lehrer von ihrer Landesregierung vor der kommerziellen Nutzung ihrer persönlichen Daten geschützt, den Schülern aber schmiert man die Werbung noch aufs Pausenbrot. Und was sie auf Facebook anstellen geht uns nichts an.

Jugendliche sind sich sehr bewusst darüber, was sie mit wem teilen
In der Erwachsenenwelt gilt das verbreitete Vorurteil, Jugendliche würden sich im Internet mit einer Leichtigkeit eines Reckturners bewegen, wogegen die ältere Generation ohnmächtig vor der Informationsflut sitzt und oft kapituliert. In allen Gesprächen, die ich mit Eltern führe, dient das als ausreichender Grund, sich der Verantwortung entziehen, ihren Kindern auch im Internet den Weg zu weisen und greifbar zu sein, wenn sie jemanden brauchen, mit dem sie reden wollen, wenn sie etwas schockiert oder aufgewühlt hat. Lehrer stehen in dieser Funktion heute direkt neben den Eltern. Oft genug fangen sie im Schulalltag genau das auf, zu dem Eltern keine Zeit haben oder keine Worte finden. Es gibt kluge Lehrer, die auch im Netz mit ihren Schülern Kontakt halten. Und entgegen einer verbreiteten Meinung ist das nicht allen Schülern unangenehm.

Die amerikanische Autorin Jacqui Cheng hat zuletzt in einem sehr lesenswerten Artikel von ihren Erfahrungen erzählt, die sie mit Schülern in einem längeren Workshop zum Thema Social Media sammeln konnte. Ihr wurde schnell klar, dass die Jugendlichen sich sehr bewusst mit ihrer Privatsphäre auseinandersetzen und genau wissen, was sie mit welchen Freunden in den sozialen Netzwerken teilen.

What they’re telling us is what their lives are like when they’re not sitting in class, obediently scribbling notes or quietly falling asleep in the back. They’re telling us what their struggles are and, perhaps indirectly, what they could use help with in order to make it in one piece to adulthood. But is anyone listening?

In den USA sind die Restriktionen für Lehrer im Umgang mit den Social Networks noch extremer als hier. Ashley Payne, eine Lehrerin aus Georgia, wurde sogar die Stelle gekündigt, weil sie während einer Europa-Reise ein Foto von sich mit einem Weinglas in der Hand auf Facebook gepostet hat. In den USA regelt so etwas der Family Educational Rights and Privacy Act (FERPA). Kein Wunder, dass sich die meisten Lehrkräfte erst gar nicht mit den sozialen Medien auseinandersetzen, in denen ihre Schüler so viel Zeit verbringen.

Mentoren sind auch in den sozialen Netzwerken wichtig
Wegen dieser Bestimmungen sind wir nicht dazu in der Lage, dass eine Gruppe von Erwachsenen, die für die intellektuelle Ausbildung unserer Kinder verantwortlich ist, an den Orten anzutreffen sind, wo die Kinder die meisten Fragen an die Welt stellen, wo sie sich auch emotional äußern, wo sie mitunter Hilfe suchen. Doch sobald die Lehrer sich dort aufhalten, müssen sie die Ohren auf Durchzug stellen. Man kann argumentieren, dass dieser Job in der Schule erledigt werden sollte, oder in den staatlichen Lernforen im Internet. Aber Jugendliche sind nicht zur Diskussion bereit wo und wann wir uns das wünschen, sondern dort wo sie es für sinnvoll erachten und zu dem Zeitpunkt, den sie selbst wählen.

Eltern und Lehrer sind wichtige Mentoren für Kinder und Jugendliche, daran wird niemand zweifeln. Es gibt Studien, die den beruflichen Erfolg von Schülern mit dem Maß in Verbindung bringen, in dem ein Mentor ihren Weg begleitet. Gerade wenn das Umfeld der Kinder ein sozial vernachlässigtes ist, können die Mentoren viel auffangen. So gibt es ruhige und unscheinbare Jugendliche, die sich auf Facebook vollkommen anders geben und dort rauslassen, was sie ankotzt. Natürlich in der Hoffnung, ihnen hört jemand zu. Gleichaltrige sind dann nicht immer die besten Ansprechpartner. Um es mal ganz krass zu formulieren: Ich bin mir sicher, dass unter Umständen ein einfühlsamer Lehrer mit seiner Anwesenheit auf Facebook sogar einen Amoklauf verhindern kann. Geschieht das dann dienstlich oder privat?