Niemals mehr ein Next Big Thing

Es gibt ganz wenige Musikjournalisten, die ihrem antrainierten Reflex nachgeben können, in einem wirklich guten Stück Kunst doch noch irgendeinen Bruch oder eine Nachlässigkeit entdecken zu müssen. Es ist vollkommen legitim, eine Album-Review als Glosse zu schreiben, ohne die Scheibe auch nur mit einem Wort zu erwähnen.

Vielleicht sogar heute die einzig gültige Textform für Reviews, wo ich mir ja eine Sternchen-Einschätzung von der Masse auf amazon.de oder rateyourmusic.com abholen kann, die mich persönlich heute mehr beeinflusst als eine einzelne Kritik eines zwanzigjährigen Journalisten. Und ich lese auch gerne die Was-soll-der-Scheiß-Kommentare unter der Abgehört-Kolumne auf Spiegel Online, wenn der Kollege Wigger genau dieses Abschweifen zelebriert.

Die Musik von Billy Corgan kann ich nicht mehr objektiv beurteilen. Selbst wenn der Mann ein schlechtes Jahr hat und ich einen schlechten Tag, dann kommen wir immer noch irgendwo zusammen. Ich bin auch nicht der Meinung, man solle ihn und Chris Cornell und Frank Black einfrieren, damit die drei nur ja keine neue Musik mehr schreiben, die ja nie den Werken der guten Zeiten das Wasser reichen kann. Lasst sie spielen bis sie auf der Bühne tot umfallen. Verkneift Euch, ständig Reich-Ranicki-mäßig für einen Kanon sammeln zu müssen. Schlechte Reviews hatten die Smashing Pumpkins schon immer. Das alles nichts genützt. Und auch “Monuments To An Elegy” wird das überstehen.

Billy Corgan macht weiter, seine Ära ist soundso zu ende. Deren Akteure werden älter, aber sie schlagen sich im Schnitt ziemlich wacker. Und dazu kommt: Heute hat ein Großteil der Jugend glaub ich keinen Bock mehr, Rock’n’Roller zu werden. Als Beruf, meine ich. Das klingt jetzt schon nach einem Witz, war aber mal ein Versprechen, das einen großen Reiz auf Generationen von Jugendlichen ausgeübt hat. Wenn man Spotify etwas zugute halten kann, dann die Tatsache, dass heute jeder endlich weiß, dass nur ganz wenige Menschen mit Kunst oder Musik ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Dadurch ist viel Leid aus der Welt geschafft worden, eine Menge Karrieren werden jetzt erst gar nicht mehr gestartet. Eine Menge Musik werden wir nicht mehr zu hören bekommen. Könnte sein, dass es überhaupt kein Next Big Thing mehr gibt. Niemals mehr. Ich würde es auch gar nicht mitkriegen.