Vorfreude schlägt Vorsätze. Ein Jahreswechsel mit zwei Radtouren auf den Kanaren.

Gute Vorsätze haben heute nur noch den Ruf, dass man sie bei nächster Gelegenheit in den Wind schlägt. Man kann seine Gewohnheiten auch an jedem anderen Tag im Jahr ändern. Aber zugegeben, das Datum hilft. So zum Beispiel, wenn man zum Jahreswechsel verreist ist. Und dazu noch mit Freunden, die einen überzeugend aus der Komfortzone locken können. So geschehen bei mir vor genau einem Jahr, als mein Freund und Nachbar Christoph mich während einer gemeinsamen Kreuzfahrt zusammen mit unseren Familien entlang der Kanaren und Madeira zu einer „Aktiv-Bike-Tour“ überredete.

Damals ging es mit dem Mountainbike bis auf 300 Höhenmeter über das braungefleckte Vulkangelände von Fuerteventura. Für mich war das der Einstieg ins regelmäßige Radfahren und ein guter Grund, mir danach zum ersten mal im Leben ein richtig gutes Mountainbike zu gönnen. Für den Jahreswechsel 2014/15 hatten wir noch einmal dieselbe Kreuzfahrt gebucht. Und bereits Monate vorher hatte ich mich bei Christoph per Handschlag verpflichtet, dieses Mal die 700 Höhenmeter auf Teneriffa in Angriff zu nehmen.

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Los geht’s! (Selfie: Christoph Papenfuss)

Ende Dezember 2014 geht es dann an Bord der Mein Schiff 3. Teneriffa ist unser drittes Reiseziel nach Gran Canaria und La Palma. Als wir uns auf Deck 4 für die Radtour anmelden, bereitet mich Simon, der Leiter der Tui-Biketouren, auf eine Steigung von 5% vor. Vor dem Einschlafen rechne ich nach: 5%, das sind 5 Meter Steigung über eine Strecke von 100 Meter. Das geht doch! Aber ich möchte mir kein genaueres Bild davon machen. Die Aufregung, wenn man freiwillig neues Terrain betritt, das eine Herausforderung darstellt, aber bezwingbar ist, gehört sicher zum Besten, was das menschliche Nervenkostüm für uns bereithält.

In Zeitlupe durchs Huertas-Tal
Morgens um neun Uhr starten wir zusammen mit zehn weiteren Passagieren und unserem Tourguide Patrick vom Hafen in Santa Cruz entlang der wenig attraktiven Küstenstraße zum Fischerdorf San Andrés. Von dort geht es 15 Kilometer „nur noch bergauf“, mitten hinein ins Anaga-Gebirge im Nordosten der Insel. Schon früh falle ich nach hinten und bilde zusammen mit einem freundlichen Mittsechziger aus dem Allgäu das Schlusslicht. Er heißt Fritz und fährt jeden Tag Rad, erzählt er mir. Er hat ein ausgeglichenes Wesen und einen gleichmäßigen Tritt, so dass ich beginne, etwas von seinem Rhythmus zu übernehmen. Ich ändere mein Tempo kaum, fahre konstant in einem niedrigen Gang, bleibe aber fest im Sattel, atme gleichmäßig und fühle mich gut. Nur mein Hintern ist bei 300 hm bereits taub.

Foto: Christoph Papenfuss

It’s A Long Way To The Top: Blick von El Bailadero ins Huerta-Tal auf Teneriffa. (Foto: Christoph Papenfuss)

Im Zeitlupentempo fahre ich bergauf durch das Huertas-Tal. Die langen Finger der Kanaren-Wolfsmilch, hüfthohe Agaven und üppige Lorbeerwäldern ziehen an mir vorbei. Ein edles Graugrün bleibt mir als dominierende Farbe bis heute in Erinnerung. Am Straßenrand schützen mich die weiß angemalten rechteckigen Wegsteine wie Burgzinnen vor dem Abhang. Ich merke bald, die Konzentration und die Anstrengung sind kein Hindernis, um die Landschaft um mich herum zu genießen. Ich bekomme einen ganz anderen Zugang zu meiner Umgebung. Die Muster auf den bewachsenen Berghängen und den adrigen Vulkan-Felswänden brennen sich in meine Netzhaut ein und wandern von dort direkt ins Langzeitgedächtnis. Bis zum Ziel, dem Aussichtspunkt El Bailadero, lege ich lediglich eine Pause von knapp einer Minute ein, da ich meine Wasserflasche während der Fahrt nicht mehr zuverlässig greifen kann. Früher habe ich die Nase gerümpft über die Radler, die sich bei uns in den Voralpen verbissen die Wanderwege im kleinen Gang nach oben quälen. Heute weiß ich: Die bewegen sich auf einer ganz anderen Umlaufbahn, unerreichbar für den Fußgänger.

„Me-e-e-e-e-e-ehr!“
Wenn man Glück hat, dann kommt man auf einer Radtour an Orte, die Autofahrern und Wanderern normalerweise verborgen bleiben. So auch während unserer anschließenden nicht geplanten Radtour durch das Chejelipes-Tal, als wir drei Tage nach Teneriffa unerwartet wegen schlechter Wetterverhältnisse La Gomera statt Fuerteventura anlaufen müssen. Die dortige Ersatztour geht hoch bis auf 600 hm, beginnt relativ flach, legt aber ab der zweiten Hälfte enorm an Steigung zu. Wir machen einige kurze Foto-Pausen, was mir sehr entgegenkommt. Zwischendurch immer angefeuert durch das „Me-e-e-e-e-e-ehr!“ der unsichtbaren Bergziegen, die aber laut unserem Tourguide jederzeit auf die Straße springen können.

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Endstation Stausee (Foto: Christoph Papenfuss)

Auf den letzten Metern vor La Laja muss ich bei knapp 23 Prozent Steigung vom Sattel runter. Das Vorderrad will nicht mehr auf dem Asphalt bleiben. Also schieben. Oben angekommen und nach ein paar hundert Metern flachem Gelände über spitzes Lavagestein (ich sitze wieder) wartet in einem grünen Tal ein kleiner, dunkler Stausee auf uns. Die zahlreichen Palmen auf dem Weg nach oben weichen auf dieser Höhe einem lichten Kiefernwald, aus dem an manchen Stellen dünne Felsnadeln herausschauen. Hier ist man nicht nur weit oben, sondern auch weit weg von allem, was einem noch bis kurz vor dem Urlaub auf den Wecker gegangen ist. Der bestmögliche Abschluss nach zwei für mich anspruchsvollen Touren, und gleichzeitig mein Start ins Fahrradjahr 2015, das noch mehr Stunden im Sattel für mich bereithält als das vergangene. Wer braucht da schon Vorsätze?

Mehr Fotos von der Kreuzfahrt und von beiden Radtouren im Flickr-Stream von Christoph Papenfuss sowie auf sftwins.com