Die alte Echsenhaut mal abschütteln

“The Imitation Game” zeigt uns den Menschen als das große Rätsel, das wir endlich knacken sollten.

Das Genie fährt mit dem Fahrrad. Benedict Cumberbatch als der berühmte Logiker und Kryptoanalytiker Alan Turing sieht man im Historiendrama “The Imitaiton Game” entweder über seinen Schreibtisch gebeugt, mit dem Bleistift Buchstaben in Kästchen schreiben, liebevoll rote Kabel an seine Maschine “Christopher” legen, in der flachen Landschaft Südenglands sein Lauftraining absolvieren oder seinen Drahtesel über das steile Kopfsteinpflaster des nebelfeuchten Ortes Bletchley treten.

Turing ist niemand, dem man im Pub bei ein paar Lager näher kommen kann. Er nuckelt nur den Schaum von seinem Glas Ale, wie seine Mitarbeiterin Joane Clarke (Kiera Knightley) bemerkt. Ansonsten interessieren ihn Rätsel sehr, Kreuzworträtsel insbesondere. Diese paar Spleens reichen bereits aus, um ihn für manchen als einen exzentrischen Außenseiter abzustempeln. Der Film spart nicht mit Szenen, dem Zuschauer durch Cumberbatchs intensives Spiel den besonderen Menschen und kauzigen Wissenschaftler an die Leinwand zu malen, der durch seine Andersartigkeit im besten Falle ungelenk, meistens unsympathisch und immer wieder der Aufgabe nicht gewachsen ist, die emotionalen Hindernisse, die seine Mitmenschen für ihn parat haben, zu meistern. Er muss Wege durch die verschlüsselten Botschaften seines gegenübers finden, die sein Mitgefühl, seine Anteilnahme, sein Herz ansprechen möchten. “Ich kann Ihnen nicht folgen”, bringt er gerade mal heraus, als er als jugendlicher Schüler vom Direktor erfährt, dass sein liebster Freund “Christopher” in den Sommerferien an Tuberkolose gestorben ist.

Mit Argumenten gelingt ihm jedoch viel: So schreibt er einen überzeugenden Brief an Winston Churchill persönlich, der Turing daraufhin zum Leiter der Abteilung in Bletchley Park ernennt, die den Code der deutschen Enigma-Maschine knacken soll. Seine neue Position nutzt Turing sofort, um zwei “unfähige Kryptografen” aus dem Team zu schmeißen. “Winston Churchill möchte das so”, müssen selbst seine Vorgesetzten als Antwort akzeptieren. Nein, sympathisch ist das nicht, aber es gilt einen Job zu erledigen. Vielleicht den wichtigsten, den es während des zweiten Weltkriegs gab.

Wer Tywin Lannister als Vorgesetzten hat, der sollte sein Jahresziel tunlichst erreichen.

Wer Tywin Lannister als Vorgesetzten hat, der sollte sein Jahresziel tunlichst erreichen.

Der Alan Turing im Film pfeift auf viel historische Korrektheit. Aber das stört nicht, denn es geht nur oberflächlich darum, diesem Mann seinen korrekten Platz in der Geschichte zu sichern: als Kriegsheld, der nach Meinung von Experten den zweiten Weltkrieg um mindestens zwei Jahre verkürzt und so 14 Millionen Menschen das Leben gerettet hat. Oder als Pionier des Computerzeitalters, der zumindest theoretisch bereits erste wichtige Schritte für die Entwicklung künstlicher Intelligenz getan hat – der Turing-Test wird heute noch angewandt, um festzustellen, ob eine Maschine ein dem Menschen gleichwertiges Denkvermögen besitzt.

Turing wird im Leben wie im Film seiner Andersartigkeit wegen nicht selten von einer Faust niedergestreckt und am Ende, als man den Homosexuellen wegen “grober Unzucht” anklagt und er sich für eine “chemische Kastration” entscheidet, um weiter seiner Arbeit nachgehen zu können, ist der Freitod sein letzter Ausweg aus einem System, dem er trotz aller Genialität nicht gewachsen ist.

Die westliche Gesellschaft war selbst in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts in ihren Werten noch nicht aufgeklärt genug für den Fortschritt, mit dem die Wissenschaften bereits in langen Schritten durch die Flure der Universitäten schritt. Auch eine hochbegabte Frau blieb für die Mehrheit eine Frau, die unmöglich das leisten konnte, was man Männern zutraute.

Es könnte uns in Zukunft den Hals retten, wenn wir aufhören würden, Menschen, die anders ticken oder anders aussehen oder welche anderen Geschlechts, in ihren Möglichkeiten zu begrenzen, zu diskriminieren, versuchen umzuerziehen oder zu verprügeln. Der andere Mensch, unser Gegenüber, der Fremde, er ist uns das größte Rätsel. Er gehorcht nicht unseren Regeln. Das sollte uns neugierig machen, versetzt aber viele von uns noch immer in Angst und Schrecken. Diese alte Echsenhaut endlich abzuwerfen, dazu lädt uns “The Imitation Game” ein.

Der Film ist in allen wichtigen Sparten für den Oscar nominiert. “Rain Man” und “A Beautiful Mind” scheinen auf den ersten Blick mit “The Imitation Game” thematisch verwandt, beide haben in ihren Jahren jeweils vier der Trophäen abgestaubt. Auch wenn ihm die Ehre gebührt, es wäre zu wenig erreicht, wenn “The Imitation Game” in der Schublade der Filme über verrückte Genies landet.