Age of Context: Wird die Zukunft wie die Achtzigerjahre?

Robert Scoble und Shel Israel können es kaum erwarten, bis die Welt zu einem Ort wird, wo jedes Bedürfnis und jeder Wunsch schon im Vorfeld erkannt und im Nu erfüllt wird. So wie bei Sam, dem Barkeeper aus der US-Sitcom “Cheers”, der einem ohne Aufforderung den üblichen Drink hinstellt, noch bevor man sich auf seinen Platz gesetzt hat, werden in naher Zukunft Apps und Online-Dienste immer genauer wissen, was wir als nächstes kaufen, essen und trinken wollen. Und vieles davon macht Sinn. Die intelligente Milchpackung zum Beispiel, die, noch bevor sie leer ist, ein Signal an den Online-Shop sendet und Nachschub bestellt. Und das Restaurant, in dem ich mich direkt nach dem Eintreffen an den bereits gedeckten Tisch setze, auf dem mein Lieblingsgericht steht und der Wein, von dem ich am Tag zuvor noch auf Twitter so geschwärmt habe. Manches davon ist bereits Wirklichkeit, zum Beispiel für die Fans der New England Patriots beim Besuch eines Football-Spiels im Gillette Stadium. Dort werden bereits Wartezeiten im Restaurant, am Getränkestand und sogar vor den Toiletten mit Hilfe von Daten optimiert, die man u.a. aus den Social Media Kanälen gezogen und daraus Bewegungs- und Vorliebenprofile erstellt hat.

age-of-context-bleikreiselWie so viele andere Autoren mit einem guten Draht ins Silicon Valley versichern uns auch diese beiden, dass wir bei der Digitalisierung unserer Welt aktuell vor dem steilen Abschnitt einer Exponentialkurve stehen, die schon bald dafür sorgt, dass sich unserer Alltag grundlegend verändern wird. Der 18-Monats-Zyklus, das Mooresche Gesetz, wird von den Halbleiterherstellern nicht nur weiterhin erfüllt, sondern fast sklavisch eingehalten. Computerchips werden nach wie vor immer kleiner und preiswerter, was so ziemlich alle Technik immer leistungsfähiger, kompakter und schneller werden lässt, und das mit einer Beschleunigung im Quadrat.

Scoble und Israel haben “Age of Context” bereits 2013 veröffentlicht. Achtzehn Monate haben sie dafür recherchiert, finanziell unterstützt von mehreren amerikanischen Technologieunternehmen, um den Stand der Entwicklung im Bereich kontextsensitiver Angebote und Forschungen zusammenzufassen. Mal geht es darum, wie man mit Hilfe von öffentlich zugänglichen Daten und 3D-Modellen den New Urbanists von heute ein Mitbestimmungsrecht an der Entwicklung ihrer Stadt zu geben, auch um städtische Gelder effektiver zu verteilen. Mal geht es natürlich wieder um selbstfahrende Autos, deren Entwicklung mittlerweile selbst von den großen Automobilherstellern vorangetrieben wird, aber auch von den Versicherern, die bei einem Unfall in Zukunft viel lieber GM oder Audi verklagen möchten anstatt Hans Bleifuß, dem man doch nicht tief genug in die Tasche greifen kann.

Den Supercomputer in der Tasche

Dass wir bereits mit dem Adaptieren der gegenwärtigen Technologien unsere Probleme haben, macht die Aussicht auf eine noch mehr vernetzte Zukunft nicht ausschließlich rosig. Die wenigsten Menschen sind sich bewusst, dass ihr Smartphone, das sie mit sich herumtragen, so leistungsfähig ist wie der Supercomuter Cray-2 aus dem Jahr 1985 (damaliger Preis: 35 Millionen Dollar), heute aber ausgestattet mit einer Handvoll hochsensibler Sensoren, einer Digitalkamera und einer Spracherkennung, die allesamt mit einer Präzision arbeiten, wie es sie bisher noch nicht gab. Die Autoren listen unzählige Services und Anwendungen auf, die an diese Fühler andocken möchten, um aufgrund unseres Profils und unserer Vorlieben uns das Leben zu versüßen und gleichzeitig das Geschäft ihres Lebens zu machen.

Man merkt Scoble und Israel ihre Vorfreude an, was mitunter ansteckend wirkt und dem Lesefluss gut tut. Trotzt aller Euphorie, betonen sie für die Vorsichtigen unter den Lesern immer wieder, dass wir natürlich die Möglichkeit haben, uns aus all dem auszuklinken. Der vorauseilende Gehorsam, mit dem sie vor den Folgen warnen, macht etwas stutzig:

“ … you do have the ability to opt out. When you do, sites will know less about you and you need to expect you will get less from them. Over time there is the very real possibility you will be left behind.”

Und wenn es darum geht, unsere Identität als mündige Konsumenten wahrzunehmen, die den Unternehmen ihr Vertrauen entziehen, sobald die sich daneben benehmen, dann liest sich das plötzlich nicht mehr ganz so mitreißend:

“The loss of much of our privacy may be inevitable, but the lack of transparency is something for which we can and should hold companies accountable.”

Man sieht sich bereits, wie man Grundrechte gegenüber Lebensmittelkonzernen und Coffee Shops verteidigen muss, als ob man lästige Fliegen abwehrt.

Doch andererseits, all diese wirklich nützlichen Apps und Gadgets, die auf uns warten, wie auch Google Glass, das Scoble 2013 als einer der Ersten selbst testen durfte und im Buch gleich zu Beginn uns als neuen Paradigmenwechsel in Sachen Augmented Reality anpreist, man möchte vieles davon wirklich selbst sofort ausprobieren.

‚Okay, Tesla. Pick me up.‘

In “Age of Context” geht es fast nur um die Ideen anderer. Die Autoren selbst haben sich wenig einfallen lassen, was man uns mit auf den Weg geben könnte. Die Zukunftsvision im Zusatzkapitel am Ende des Buches hat den Charme einer alten Knight Rider-Folge:

„Scoble took one last sip of coffee and sent a thought signal to have his robotic maid clear the dishes. He took a last contented look at his ripening grapes and thought, ‚Okay, Tesla. Pick me up.'“

Wird die Zukunft wirklich so Achtzigerjahre?

Technik vermag Schlimmeres, als Menschen den immer nächsten Wunsch von den Augen, Lippen und Gedanken abzulesen. Aber gab es da nicht mal eine chinesische Foltermethode, bei der dem Gefangenen jeden Tag jahrelang das Lieblingsgericht serviert wurde, solange bis er es nicht mehr essen konnte und lieber verhungert ist?

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