Weltherrschaft zwischen den Bissen.

Buchkritik zu “Unterwerfung” von Michel Houellebecq

Unterwerfung” ist eine Liebesgeschichte, die ihre Erlösung in einem Gedankenexperiment findet: einer modernen, ultra-gemäßigten islamischen Gesellschaft im Herzen von Europa.

“Der neue Roman sollte eigentlich gut ausgehen. Der Held sollte zu seiner Freundin nach Israel reisen und glücklich werden. Leider hat mein Verleger in Israel keine Unterkunft für mich gefunden, um dort zu recherchieren. Also gab es kein Happy End,” verrät uns Michel Houellebecq in einem kürzlich erschienenen Interview mit Die Zeit.

Houellebecq hat bereits ein einem letzten Roman “Karte und Gebiet” (2010) ein paar Jahrzehnte in die Zukunft geschaut und die konsequente Mediterranisierung der französischen Provinz ausgemalt, in “Unterwerfung” spielt er mit der Möglichkeit einer islamischen Gesellschaft, die sich sanft aber zielstrebig in den französischen Universitäten, Wohnzimmern und Betten ausbreitet.

Dass nach seinem Erscheinen im Januar 2014 ein Eklat um das Buch ausgeblieben ist, das angeblich „pervers“ und „hochtoxisch“ sein sollte, verwundert nicht. Die Anschläge auf die Redaktion von Charlie Hebdo hat uns das Blut in den Adern gefrieren lassen. Für eine Diskussion über ein Buch, das skandaltechnisch (zum Glück) unter allen Erwartungen liegt, wer hätte dazu jetzt noch Nerven? Denn so sehr darin Visionen gesellschaftlicher Scherenschnitte an die Wand geworfen werden, ein politisches Buch ist “Unterwerfung” nicht. Aber es ist vielleicht sein bisher bestes.

Der 43-jährige Erzähler François, ein Literaturwissenschaftler, ein introvertierter, typisch Houellebecqscher Anti-Held, Spezialist für die französische Literatur des 19. Jahrhunderts, bekommt auf vielen Seiten in langen Dialogen und Monologen die notwendigen Hintergrundinformationen zu den stattfindenden politischen Umwälzungen von recht zwielichten Typen vermittelt. Es scheint, als wären die Weltverschwörer aus Umberto Ecos “Das Foucaultsche Pendel” im Jahr 2022 an die Macht gekommen. Leute, die die Weltgeschichte zusammenlegen wie ein Tarot-Kartenspiel, willkürlich und schelmenhaft. François nickt und staunt, stellt ab und zu Fragen und achtet ansonsten darauf, dass der Nachschub an Weißwein und Birnenschnaps nicht versiegt. Der Rechtsintellektuelle Lampeur, der ehemalige Geheimdienstler Tannuer und natürlich der Sorbonne-Präsident Rediger, der zunächst zum Katholizismus konvertieren wollte, sich aber schließlich zum Islam bekennt. Ihre wörtliche Rede macht einen Großteil von “Unterwerfung” aus und ihr Auftreten bringt immer auch modischen Style in die Erzählung.

“Er glich, um ehrlich zu sein, eher dem Stürmer einer Rugby-Mannschaft als einem Hochschullehrer. Sein sonnengebräuntes Gesicht war von tiefen Falten durchzogen, sein kurz geschnittenes Haar, das wie bei einer Bürste nach oben stand, war vollkommen weiß, aber sehr dicht. Bekleidet war er auf ziemlich ungewöhnliche Weise mit einer Jeans und einer Fliegerjacke aus schwarzem Leder.”

Rediger ist der Typ, den man sich gut in einer Graphic Novel-Version von “Unterwerfung” vorstellen kann. Dort würde auch das postapokalyptische Intermezzo an einer zerstörten Tankstelle in der französischen Provinz gut hineinpassen. Houellebecq ist großer Lovecraft-Fan, er scheint auch The Walking Dead zu mögen. Man wünscht sich als nächstes einen Zombie-Roman von ihm.

Aber selbst eine solche Szene ist zu kühl beschrieben, um überzeugend von den Dingen abzulenken, die François wirklich beschäftigen. Zum Beispiel seine Ex-Freundin Myriam, eine junge, jüdische Studentin, die nach der Machtübername durch die Muslime mit ihren Eltern nach Israel flieht.

Was François von Anfang in den Bann zieht, ist das polygynische Ehemodell der Araber, das er immer wieder wie ein bisher unbekanntes Insekt neugierig von allen Seiten betrachtet und die Auswirkung auf sein Privatleben versucht abzuschätzen. Eine Frau in den besten Jahren, die für sein leibliches Wohl sorgt, die anderen, jüngeren kümmern sich um das sexuelle. François’ Gefühle werden sowieso nur durch gutes Essen, auserlesene Weine und außergewöhnlichen Geschlechtsverkehr in Wallung gebracht. Politik und Weltherrschaft taugt für Houllebecq auch in “Unterwerfung” gerade mal als Thema zwischen den Bissen.

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