Plötzlich Eloi

Buchkritik zu „The Time Machine“ von H.G.Wells

“Die Zeitmaschine” (1960) fehlte zuletzt auf meiner Liste der 15 Filmklassiker, die man mit seinen Kindern anschauen sollte. Doch da die Verfilmung des Romans von H. G. Wellls mit Rod Taylor (im letzten Monat verstorben) in der Hauptrolle alle Nase lang in den Öffentlich-rechtlichen läuft, konnten wir das zuletzt an einem Sonntagnachmittag nachholen. Dabei fiel mir auf, wie wenige Szenen ich noch abgespeichert hatte. Es muss sehr lange zurückliegen, dass ich den Film das letzte Mal gesehen habe, möglicherweise 30 Jahre. Nur an die letzte Verfilmung von 2002 hatte ich noch weniger Erinnerung. Und das ist auch ganz gut so. Jeremy Irons als Ober-Morlock? Nicht für mich. 

Im Rahmen meiner Reading Challenge 2015 habe ich mir gleich nach dem Wiedersehen mit den Eloi und den Morlocks die Romanvorlage vorgenommen. “The Time Machine” gibt es als preiswertes e-Book auf englisch<. H. G. Wells hat die Erzählung 1895 veröffentlicht, also um die gleiche Zeit, in der Sir Arthur Conan Doyle mit seinen Sherlock Holmes-Geschichten bekannt wurde. Selbst mit einem Schulenglisch kann man sich an beide Schriftsteller wagen. Wells tendiert zu etwas steifen Beschreibungen, Doyle löst Vieles eleganter, fast wie im Vorbeigehen. Der eine pflegt einen irgendwie fiebrigen Stil, der andere schreibt eher gentlemanlike und sprachlich ausgefeilter. Und beide bedienen Genres, die zu deren Zeit noch in den Kinderschuhen steckten. Doyle haucht den Detektivgeschichten neues Leben ein, Wells erfindet die Science Fiction nach Jules Verne neu. 

Vater des Steampunk
Beide Schriftsteller sind nicht für fesselnde Action bekannt. Wells gerät bei solchen Szenen immer ein bisschen ins Taumeln. Der Zeitreisende, von dem wir im Übrigen nie den Namen erfahren, kämpft sich nur mit einer Schachtel Streichhölzer bewaffnet durch das Jahr 802.701. Damit wehrt er zwar immer wieder erfolgreich die blassen, nachtsichtigen Morlocks ab, aber auf die Idee, mal eine Fackel zu bauen, kommt er erst relativ spät. Für einen Leser wie mich, mit einer – mittlerweile zwar nur noch schwachen – Vorliebe für Fantasy-Literatur und mit ein paar Jahren Rollenspiel-Vergangenheit, ist das kaum zu ertragen. 

Doch dafür war Wells in anderen Dingen seiner Zeit voraus. So gilt der Roman wie bereits erwähnt als ein Startschuss für die Gattung Science Fiction und für die Steampunk-Bewegung ist die Zeitmaschine als Designobjekt unbestritten eine der Hauptreferenzen. Und Wells war ein Mensch, den die sozialen Ungerechtigkeiten seiner Zeit stark beschäftigten. Er sympathisierte mit den russischen Kommunisten, zumindest für einige Jahre, und versteckt das erst gar nicht zwischen den Zeilen:

„At first, proceeding from the problems of our own age, it seemed clear as daylight to me that the gradual widening of the present merely temporary and social difference between the Capitalist and the Labourer, was the key to the whole position.“

„The Upper-world people might once have been the favoured aristocracy, and the Morlocks their mechanical servants: but that had long since passed away.“

„Ages ago, thousands of generations ago, man had thrust his brother man out of the ease and the sunshine. And now that brother was coming back changed!“

Kein Technik-Prophet wie Jules Verne
Die Verfilmung von 1960 wird der Vorlage im Großen und Ganzen zwar gerecht, falls aber in Zukunft jemand das Material für ein Drehbuch wieder zur Hand nehmen sollte: Die Kapitel nach der Abreise des Zeitreisenden von den Eloi und Morlocks sind für die Handlung zwar verzichtbar, aber auf Leinwand von einem guten CGI-Team umgesetzt, könnten Bilder entstehen, die wir auch in anderen SF-Filmen bisher noch nicht gesehen haben. Hier übertrifft Wells selbst Altmeister Jules Verne an Schöpfungskraft. Überhaupt, Verne schrieb über die Dinge, die selbst zu seiner Zeit schon irgendwie denkbar oder bereits machbar waren, zumindest aber dann doch zeitnah erfunden wurden. Doch Wells’ Zeitmaschine ist auch heute immer noch in weiter Ferne, wenn nicht sogar überhaupt unmöglich. Damit blieb ihm erspart, wie Verne als ein Technik-Prophet verstanden zu werden.

“Has it never occurred to you that no form can exist in the material universe that has no extension in time?”
Dr. Moses Nebogipfel

Eine gute SF-Story trägt Ideen in sich, die auch für unsere Welt und Gegenwart gültig sein können: Meistens fühlen wir uns wie in der Murmeltier-Schleife gefangen, jeder Tag scheint ähnlich wie der vorige. Doch in Wahrheit gehen wir in jeder Sekunde einen Schritt in der Zeit nach vorne, in ein Gebiet hinein, das vor uns noch nie ein Mensch betreten hat. Dazu brauchen wir nicht mal eine Zeitmaschine. Wir bewegen uns auch so kontinuierlich durch die vierte Dimension, durch einen Raum, in dem jeder neue Move auch ein Anfang von irgendetwas sein kann, das die weitere Zukunft verändern kann.

Prequel und Sequel
In der erwähnten eBook-Ausgabe folgte auf die knapp 100 Seiten starke Haupterzählung die Kurzgeschichte „The Chronic Argonauts„, die bereits 1888, also sieben Jahre vor “The Time Machine” entstand, und in der Wells, damals erst 22-jährig, uns den Zeitreisenden Dr. Moses Nebogipfel vorstellt, der sich in dem walisischen Dorf Llyddwdd in einem alten verspukten Haus einrichtet, die Einwohner mit elektrischem Licht erschreckt und mit seiner misanthropen Art großes Misstrauen erregt. Die Geschichte wechselt an dem Punkt die Perspektive, als die Dorfbewohner mit Fackeln und Mistgabeln bewaffnet das Haus von Nebogipfel stürmen. Hier führt Wells noch eine weitere Person ein, den Reverend Elijah Ulysses Cook, der eine Woche nach den sich zuspitzenden Ereignissen, vollkommen mit den Nerven runter auf einer Weide sitzend entdeckt wird. Der Wahnsinn dieser hervorragenden Erzählung hat erst zuletzt eine kleine Gruppe von Kreativen zu einem Comic-Band mit dem gleichen Titel inspiriert. Man hat auch versucht, ein Filmprojekt zu finanzieren. Hat aber scheinbar bisher nicht geklappt.

1995 veröffentlichte der SF-Autor Stephen Baxter mit “The Time Ships” eine “autorisierte Fortsetzung” zu “Die Zeitmaschine”. Ich habe kurz reingelesen, sie knüpft genau dort an, wo Wells’ Roman aufhört. Auch Nebogipfel taucht hier an der Seite des Zeitreisenden als ein Hauptcharakter wieder auf. Mehr möchte ich nicht vorwegnehmen. Die Fortsetzung wurde damals sehr positiv von Fans und Kritikern aufgenommen.

Plötzlich Eloi
Ein interessanter Effekt, der sich jetzt im zweiten Monat meiner Reading Challenge einstellt: Zwischen den kürzlich gelesenen und meinem jeweils aktuellen Buch tauchen manchmal unerwartete Querverbindungen auf. So kam mir während der Lektüre der “Time Machine” mit Blick auf das Schicksal der Eloi plötzlich eine Kernaussage von Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee aus „Second Machine Age“ in den Sinn:

“… just as technology can create inequality, it can also create unemployment. And in theory, this can affect a large number of people, even a majority of the population, and even if the overall economic pie is growing.” 

Auch  „The Artificial Intelligence Revolution“ und “Age Of Context” spielen mit diesen Gedanken. Was passiert mit uns, wenn wir im Laufe des dritten Maschinenzeitalters immer mehr Arbeit an Roboter und Algorithmen abgeben? Langfristig könnte es für die Menschheit die größte Herausforderung werden, womit man seinen lieben langen Tag verbringt, ohne sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen. Und selbst wenn wir den Übergang innerhalb der nächsten 50 Jahre irgendwie meistern, in ein paar Generationen könnten wir den Eloi nicht unähnlich sein und ohne Antrieb in der Sonne herumliegen und Obst essen. Oder wie Arthur C. Clarke es mal sagte:

“The goal of the future is full unemployment, so we can play.”

Dann kann uns vielleicht nur noch ein Zeitreisender aus dem 19. Jahrhundert helfen, der uns zeigt, wie man auf Büchern, Streichhölzern und Mottenkugeln eine neue Zivilisation aufbaut.

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