Der irre Hausmeister

Oder: Warum ich hier nichts über Stephen Kings “Revival” verrate …

Manchmal ist das Internet eben nur der nervige Kollege, der bereits die vier geleakten Game of Thrones-Folgen gesehen hat und mit der Tasse Kaffee in der Hand beim morgendlichen Plausch vielsagende Andeutungen macht, weil er weiß, wer aus dem Cast als nächstes den Kopf verlieren wird. Natürlich hat der Kollege Spoilerverbot, aber begegnest Du ihm auf dem Flur, müsste er Dir nur einen Namen im Vorbeigehen zuflüstern und der Serienspass wäre für Dich erst einmal gelaufen.

Als ich nach 25 Jahren das erste Mal wieder ein Buch von Stephen King in die Hand nehmen wollte, folgte ich meinem üblichen Impuls und ließ mich von den Amazon-Sternen leiten. Die Rezensionstexte darunter waren für mich unsichtbar, die Online-Rezensionen der großen Tageszeitungen wagte ich nicht anzuklicken. Kein Stückchen der Handlung wollte ich im Vorfeld erfahren. Das Internet ist nicht nur ein nervtötender Ablenker, wenn man sich darauf konzentrieren möchte, einen ordentlichen Text zu schreiben. Es wird auch zur Folter für den Bücher- und Serienfreund, wenn Journalisten und Blogger einem das Wissen unter die Nase reiben, dass wenig hilfreich ist für die Kaufentscheidung ist, sondern nur deren Vorsprung herausstellen soll.

Jedes Kapitel verdient es, ausschließlich von King selbst erzählt zu werden.
Für wenige Bücher, die ich in den letzten Jahren gelesen habe, macht eine Vorabbesprechung so wenig Sinn wie für “Revival”. Ich kann jedem, der das Buch ins Visier genommen hat, versichern: Du möchtest im Vorfeld nichts darüber lesen. Jedes Kapitel verdient es, ausschließlich von King selbst erzählt zu werden.

In “Revival” bedient sich King der wärmsten und mitfühlendsten Erzählstimme, die ich von ihm kenne – bevor er am Ende der Geschichte zum Höhepunkt wie ein irrer Hausmeister die Tore zur Hölle aufreißt. Verdammt! Er hat das schon immer so gemacht. Ich hätte es wissen müssen. Wie konnte ich auf die Idee kommen, dass der Mann nach 25 Jahren abgebaut hat? Er hatte wohl seine Phasen, in denen das Koks und der Alkohol es auf sein Talent abgesehen haben. Er hat beide nach Hause geschickt und jetzt scheint nichts den alten Mann aus Main mehr aufhalten zu könnnen.

Hoffentlich bekommen wir das mit der Unsterblichkeit bald in den Griff!
“Revival” ist das ideale Buch, um sich nach langer Abstinenz wieder von Kings Fähigkeiten zu überzeugen. Aber es hat auch eingefleischte Fans nochmal positiv überrascht, wovon ich mich im Nachhinein im Stephen King-subreddit überzeugen konnte.

Das Erste woran ich dachte, nachdem ich “Revival” beedet hatte, war: Hoffentlich bekommen wir das mit der Unsterblichkeit bald in den Griff! Das Zweite war der Gedanke an das nächste Buch: “Der große Pan” von Arthur Machen gilt Stephen King wie H.P. Lovecraft als wichtige Inspirationsquelle für ihr komplettes Werk. Die Horrorliteratur des späten 19. und des frühen 20. Jahrhunderts ist eine endlos tiefe Schatztruhe. “Revival” ist auch eine Hommage an die Urahnen des Schauerromans. Ohne Mary Shelley, Bram Stoker und Robert Bloch würden uns die großen Geschichten fehlen, auf denen Autoren wie King ihr Haus errichten konnten.

Revival von Stephen King