Briefe zerreißen und zertanzen: Onegin am Nationaltheater

Welches Haltbarkeitsdatum haben Freiheit und Unabhängigkeit? John Crankos Onegin wird seit März 2015 wieder am Münchner Nationaltheater getanzt und zeigt uns: Auf solche Fragen haben Körper klare Antworten.

Alexander Puschkins Figur Eugen Onegin aus dem gleichnamigen Versroman gilt als Prototyp des “überflüssigen Menschen”, ein Archetyp der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts (siehe “Oblomow” und “Die Brüder Karamasow”). Er ist ein “aristokratischer, intellektueller, eloquenter Dandy”, der sich der Dummheit und Ungerechtigkeit um ihn herum bewusst ist, doch bleibt er ein untätiger Zuschauer, der sich zusehends langweilt und dabei Ironie und Pessimismus kultiviert. Nicht umsonst sind es gerade diese Figuren, die die Herzen der Damen mit nur einer kleinen Geste gewinnen, doch selbst für eine noch so Edle niemals ihre “abgestandene” Freiheit aufs Spiel setzen würden.

Seit der Wiederaufnahme im März 2015 tanzen Eugen Onegin und Tatjana wieder am Münchner Nationaltheater. Sie waren nie wirklich weg. John Crankos Onegin gehört seit Jahrzehnten zum Münchner Repertoire. Mittlerweile ist er zurecht zu einem Klassiker à la Schwansee avanciert. In der Familienvorstellung Mitte Juni 2015 drängelte sich der Nachwuchs in weißen Kleidchen mit den stolzen Balletteltern in den Rängen, trotz knapp dreißig Grad Außentemperatur.

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„Wenn ich keine Ehre mehr besitze, dann existiert keine Ehre mehr.“ Onegin. Spielvorhang (Foto: Charles Tandy)

Puschkin erzählt die Geschichte der jungen Tatjana, die sich in den arroganten Dandy Onegin verliebt. Dieser gibt ihr einen Korb, zerreißt den Brief an ihn, bricht so ihr Herz und tötet anschließend noch den Bräutigam ihrer Schwester im Duell. Nicht wegen des Briefes, es geht natürlich um eine verletzte Ehre. „Wenn ich keine Ehre mehr besitze, dann existiert keine Ehre mehr“, so das Zitat, das mit Onegins Initialen den Spielvorhang im Münchener Nationaltheater ziert.

Fasst man sich über den Hochmut des Onegin noch sooft an den Kopf – ohne ihn gibt es keine Handlung, kein Drama und keinen Tanz. Die Figuren um ihn herum und das Bühnenbild sind in bürgerlichen Pastelltönen gezeichnet, Onegin dominiert alle mit seinem schwarzen Rächerkostüm, Cyril Pierre schenkt ihm nicht nur kontrollierte Anmut, sondern auch die Strenge und die aufgerissenen Augen eines kalten Fisches. Wie eine schwarze Sonnenscheibe mit maximaler Anziehungskraft fräst er sich mit einer Leichtigkeit durch das Leben anderer, zerteilt was ihm in den Weg kommt und schaut keinen Augenblick zurück.

Nur die Kugel, die den Freund ins Dichterherz trifft, trifft auch Onegin irgendwo, er wendet sich kurz um, bevor er das Schlachtfeld der Ehre und die Bühne am Ende des zweiten Aktes verlässt. Dann wendet sich das Blatt: Viele Jahre später sieht er die mittlerweile mit einem Aristokraten verheiratete Tatjana wieder und erinnert sich an ihre Zuneigung. Jetzt schreibt er einen Brief an sie:

Zufällig lernt ich einst Sie kennen,
Sah Sie in zarter Neigung brennen,
Doch ihr zu trauen, wagt ich nicht:
Zwang mich zu ungewohnter Scheuheit,
War meine abgestandne Freiheit
Mir zu bewahren nur erpicht.

Nun ist sie es, die seinen Brief zerreisst und ihm vor die angewinkelten Füße wirft. Nun trägt sie die Rachemontur. In einem blutroten Kleid entwindet sich Daria Sukhorukova als Tatjana im finalen Pas de deux immer wieder den Griffen Onegins, der wie ein Ertrinkender versucht, sie zu sich herunterzuziehen.

Puschkins Versroman galt als Wegbereiter für den realistischen russischen Roman. Doch im Vergleich zu den Werken seiner geschwätzigen Nachfolger Tolstoi und Dostojewksi, hat der Onegin kein Gramm Fett an sich. In seinen Versen hatte er jede Aussage durch die Form dupliziert. Das Medium als Botschaft, und das bereits 1823. Cranko hat die Stärken dieser formal so starken Erzählung erkannt und seine Umsetzung hat ihn damals auf der Höhe seiner Kreativität erwischt. Keine Pseudohandlung, keine Füllsel mussten bebildert werden. Die kompakte Handlung führte Cranko und sein Ensemble 1965 direkt zum Tanz und schuf einen Ballettklassiker, der noch heute vom Nachwuchs und von Kennern gerne besucht wird.

Ensemble. (Foto Charles Tandy)

Ensemble. (Foto Charles Tandy)

Ohne Umschweife erzählt die meisterhafte Choreographie die traurige Geschichte so deutlich, dass der Zuschauer weder Handlung vorher kennen noch mit dem spezifischen Ausdruckvokabular eines Balletts vertraut sein muss. Und die Tänzer verehren und lieben ihren Cranko, den sie mit allem Können, das ihnen zur Verfügung steht, auf die Bühne bringen. Für junge Zuschauer und Ballett-Neulinge kann es kein besseres Einstiegsstück geben. 

Am vergangenen Sonntag (14. Juni 2015) zeigte das Staatsballett gleich zwei Aufführungen des Balletts Onegin hintereinander. Daria Sukhorukova und Cyril Pierre hatten nachmittags zur Familienvorstellung ihren Auftritt. Abends freuten sich die Fans auf das weltberühmte Ballettpaar Lucia Lacarra und Marlon Dino, die gerade Eltern geworden sind. Tatjana ist Lacarras erste abendfüllende Rolle nach der Geburt ihrer Tochter.

Eine ausführliche Rezension der zweiten Vorstellung gibt es bei ballett-journal.de.

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