Gelesen: „Casino Royale“ von Ian Fleming

Wenn man bedenkt, wie viele Häutungen die Figur James Bond hinter sich hat. Ich meine, die Filmfigur, denn das ist der Bond von dem man redet, wenn man von James Bond redet. Wer war der beste Darsteller, das tollste Bond-Girl, die beste Verfilmung? Wobei man von „Verfilmung“ meistens gar nicht spricht. Für viele ist der Agent eine autarke Kinofigur. Nicht jeder weiß, dass es eine Romanfigur James Bond gibt. Und wenn dann bekommen die Romane von Ian Fleming meistens das Etikett „Die sollen auch ganz gut sein.“

Nach längerem Zögern hat mir das nicht mehr gereicht. Und ich möchte mich beim ausgewiesenen Bond-Spezialisten und Lieblingsfotografen C. Papenfuss  für die genauen Anweisungen bedanken, wie ich mir den flemingschen Roman-Kanon am besten erschließe: „Fang vorne an, mit Casino Royale.

Vorne in der Roman-Reihe ist beim Filmbond relativ weit hinten. Daniel Craig hatte mit „Casino Royale“ (2006) seinen ersten Auftritt als Geheimagent, beide gelten mittlerweile als die besten der Reihe, Film wie Darsteller. Vielleicht ein Glück für Craig, dass der Romanstoff aus rechtlichen Gründen bis zu seinem Antritt nicht verfilmt werden konnte.

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Die Story ist stark und alle bekannten Zutaten sind hier bereits vorhanden: Ein sadistischer Bösewicht mit Kriegsverletzung (Le Chiffre), zwei fiese Handlanger, Smoking und Glücksspiel, pfundige Vodka-Cocktails und natürlich ein bezauberndes, gut gekleidetes Bond-Girl (Vesper Lynd).
Fleming fand gleich mit dem ersten Roman der Reihe den richtigen Ton. Sein Stil ist elegant und kühl, doch er erspart uns nichts.:

Le Chiffre poured some coffee into the other glass. There was a ring of sweat drops on the floor round Bond’s chair.

Schmerzen zu beschreiben, das ist auch für einen geübten Schriftsteller keine leichte Aufgabe, aber Fleming, der ja eine Soldatenkarriere hinter sich hatte, kannte sich aus:

Bond’s whole body arched in an involuntary spasm. His face contracted in a soundless scream and his lips drew right away from his teeth. At the same time his head flew back with a jerk showing the taut sinews of his neck.
For an instant, muscles stood out in knots all over his body and his toes and fingers clenched until they were quite white. Then his body sagged and perspiration started to bead all over his body. He uttered a deep groan.

Teilweise ist Flemings Agentenkosmos nicht gut gealtert. Der 50er-Jahre-Bond ist nicht nur ein lupenreiner Chauvinist, sondern auch gnadenlos in seinen Urteilen. Das Zitat „The bitch is dead“ ist unter Kennern der Romane so etwas wie die Essenz seiner unsympathischen Seite. Was die Distanz von 60 Jahren schnell vergessen macht, ist die elegante Wucht, mit der Fleming viele seiner Schriftsteller-Kollegen noch heute ausknockt:

There was a sharp ‚phut‘, no louder than a bubble of air escaping from a tube of toothpaste. No other noise at all, and suddenly Le Chiffre had grown another eye, a third eye on a level with the other two, right where the thick nose started to jut out below the forehead. It was a small black eye, without eyelashes or eyebrows.

Doch James ist auch ein Philosoph: Nach der grausamen Folter durch Le Chiffre erholt er sich im Krankenhaus und findet plötzlich so etwas wie seine Bestimmung in seinen Gedanken über die Natur des Bösen:

Le Chiffre was serving a wonderful purpose, a really vital purpose, perhaps the best and highest purpose of all. By his evil existence, which foolishly I have helped to destroy, he was creating a norm of badness by which, and by which alone, an opposite norm of goodness could exist. We were privileged, in our short knowledge of him, to see and estimate his wickedness and we emerge from the acquaintanceship better and more virtuous men.

Sein französischer Kollege Mathis macht sich anfangs lustig über den Vortrag, merkt aber dann, das James das ernst meint und assistiert ihm – sozusagen im Namen des Autors und des Lesers – der beste Mann für diesen Job zu sein.

Umberto Eco hat Ian Flemings Stil übrigens eingehend untersucht und in einem Essay herausgestellt, nach welchem Schema ein Bond-Roman funktioniert. Deshalb brauche ich an dieser Stelle auch nicht intensiv auf die Handlung einzugehen, denn laut Eco werden in den Büchern folgende Elemente höchstens in der Reihenfolge variiert:

  • A – M. . . gives a task to Bond.
  • B – Villain. . . appears to Bond (perhaps in vicarious forms).
  • C – Bond. . . gives a first check to Villain or Villain gives first check to Bond.
  • D – Woman . . . shows herself to Bond.
  • E – Bond takes Woman (possesses her or begins her seduction).
  • F – Villain captures Bond (with or without Woman, or at different moments).
  • G – Villain tortures Bond (with or without Woman).
  • H – Bond beats Villain (kills him, or kills his representative or helps at their killing).
  • I – Bond, convalescing, enjoys Woman, whom he then loses
    (“Narrative Structures in Fleming,” 161).

Leser lieben das Vertraute.

Es gab für mich übrigens keine Seite in „Casino Royale“, in der jemand anderes als Daniel Craig den Bond in meinem Kopf besetzte. Wobei ich Sean Connery gerne eine Chance gegeben hätte, aber Craig hat sich eben durchgesetzt. Das nächste Buch in der Reihe ist „Live and Let Die“, in der Hauptrolle wieder Daniel Craig. Sorry, Roger Moore. Rezension folgt.

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