Poet on A Business Trip auf dem Filmfest München

Chinas Westen, die Region Xinjiang, ist entlegenes Grenzgebiet und gleichzeitig die flächenmäßig größte Region das Landes. Eine Reise dorthin von der östlichen Küste Chinas aus führt einen über 4.000 Kilometer quer durch das riesige Land. Das ist länger als ein normaler Business-Trip. Ein Poet bereist in erster Linie die Landschaften im Innern der Menschen. “Poet on a Business Trip” zeigt einmal mehr, dass es sich lohnt, einen Dichter auf Reisen zu schicken.

(Achtung: Trailer ist NSFW)

Das Material zu diesem dieselschweren, sympathischen Bastard aus Indie- und Dokumentarfilm hat der chinesische Regisseur Ju Anqui bereits 2002 gedreht, den Film jedoch erst im letzten Jahr fertig gestellt. Auf dem Münchner Filmfest im Juni/Juli konnte das Publikum in drei gut besuchten Vorstellungen durch die unsentimentalen, melancholischen Augen des Regisseurs zurückschauen in ein schon beinahe historisches China und in eine Region, die heute zu den am stärksten wachsenden des Landes gehört.

Im Souterrain eines Bordells für die Trucker, die ihre Waren selten nüchtern über die staubigen Straßen entlang und quer durch die Taklamakan-Wüste fahren (“I am drunk. The car is drunk.”). In das Stundenzimmer mit PVC-Boden reicht der ewig lange Horizont nicht, der draußen die Welt in oben und unten einteilt. Ein Dichter muss die Dinge auf einen Punkt komprimieren, der groß genug ist, um durch die kleinste Tür in unser Herz zu gelangen. Männer haben so kleine Herzen, dass nicht einmal eine Stecknadel hineinpasst, lernen wir in der ersten halben Stunde des Films aus dem Mund eines geschwätzigen Lastwagenfahrers.

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Als Ju Anqui mit 19 Jahren seine Heimat Xinjiang verlässt, liegt eine Kindheit hinter ihm, die er später in seinem Film verarbeiten wird. Familie und Verwandte arbeiten für ein Erdöltransportunternehmen. Als Heranwachsender reist er in den Sommerferien per Anhalter auf Trucks durch das große Xinjiang. Sein erstes Verständnis von Sex entwickelt er auf diesen Reisen: “Obwohl die gesellschaftliche Atmosphäre im China der 80er und 90er Jahre noch sehr konservativ war, on the road lag das Lenkrad locker in der Hand.”

2002 begibt sich Ju Anqui zusammen mit dem Dichter und Freund Shu, der zuvor weder in einem Film mitgespielt noch jemals eine so lange Reise unternommen hat, mit einer Digitalkamera auf eine 40-tägige Odyssee quer durch die Region Xinjiang. Durch den Sucher der Kamera und durch die 16 Gedichte von Shu, von denen er die meisten während Reise schreibt (andere wurden erst später hinzugefügt), entdeckt er seine Heimat neu. Der körperlich anstrengende Trip führt die beiden über endlose steinige Straßen, von einer schäbigen Unterkunft zur nächsten, durch erhabene Landstriche, und immer wieder zu den Mädchen. Am Ende haben sich die beiden Freunde zerstritten, das wochenlange Zusammensein hat seine Spuren hinterlassen. 12 Jahre lang bleibt das Material liegen bis Ju es irgendwann erneut zur Hand nimmt, auf 103 Minuten zusammenschneidet und 2014 veröffentlicht.

Man ist versucht, sich an die Schwarzweiß-Ästhetik in Jim Jarmuschs Road Movies zu erinnern, aber es tut gut, diesen Eindruck gleich weiterziehen zu lassen. Straßen, die durch Wüsten führen, das gibt es auch woanders. Und die Taklamakan-Wüste hat andere optische Qualitäten als kalifornische Kaktus-Skylines.

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Der Dichter, der sich unter das einfache Volk mischt und anschließend mit seinen Versen das einfache Leben transzendiert und ästhetisiert, er provoziert auch denjenigen, dessen Leben er von außen schildert. In Edward Albee’s Zoo Story endet die Begegnung zwischen dem  bohemienhaften Hipster und dem bürgerlichen Familienvater tödlich. In “Poet On a Business Trip” bleibt man zusammen am Tisch sitzen, bei Reis und Fleisch, Bier und Schnaps.

Trotz des mittlerweile aus der Mode gekommenen 4:3-Film-Formats, das nicht so breit daherkommt hat wie die Filme heute und die Leinwand nicht auszufüllen vermag, hat Ju es geschafft, seine Zuschauer mit “Poet On A Business Trip” ein großes landschaftliches und zugleich menschliches Rätsel vorzuführen. Von Deutungen der Bilder und der Gedichte ist der Betrachter durch das extreme echte Leben in den Szenen erst einmal befreit. Die Typen vor der Kamera bekommen viel Redezeit, ihre Geschichten und Statements sind kraftvoll, selbstbewusst und oft ziemlich lustig. Humor ist eine Eigenschaft des chinesischen Volkes, von der wir in Europa bisher nicht viel mitbekommen haben. Dieser Film hilft dabei, das aufzuholen.

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Die Gedichte, die den Film in 16 Kapitel einteilen, können unterschiedlicher nicht sein, kommen jedoch alle aus einer geübten Feder und einem intelligenten Kopf.

Li Zhenhua, der Produzent des Films, erklärt nach der Vorführung, dass dem normalen Wochenend-Kino-Publikum in China ein solcher Film nicht zugemutet wird. Deshalb platziert er “Poet On A Business Trip” geschickt einerseits in der Literaturszene, andererseits als Kunstfilm auf Messen und Festivals. Als Produzent sieht sich Li vor allem als ein Motivator und Motor, damit die Kunstprojekte seiner Schützlinge letztendlich auch beim Publikum landen. Er betreut seit 2004 das Programm des “China Independent Film Festivals” und ist Kurator für den Bereich Film der Art Basel Hongkong. In München hatte er bereits ein Gastspiel auf der Digitalkunstmesse UNPAINTED 2014 im Postpalast, als er dort ein erlesenes Grüppchen talentierter chinesischer Künstler im Rahmen des Lab 3.0 präsentierte.

Produzent Li Zhenhua auf dem Münchner Filmfest 2015

Produzent Li Zhenhua auf dem Münchner Filmfest im Juni 2015

Ju Anqui konnte zum Münchner Filmfest nicht persönlich anreisen. Gerade arbeitet er an einer Dokumentation über Schriftzeichen in der chinesische Landschaft, die früher als Hilfs- und Lernmittel für Piloten genutzt wurden. Während der Dreharbeiten hat er sich ein Bein gebrochen. Dem Münchner Publikum schickte er einen Video-Gruß:

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2*胜利达坂 / Arriving at the Hillside*
我不知道
I don’t know他们为什么会留在这
why they stay here

这让我想到世界尽头
it makes me think of the ends
of the earth

可想不到它有多大
though I can’t think how big that is

再往前走似乎也没多大意义
continuing on doesn’t seem to
make much sense

这已是野外
this is already the wilderness

现在这些已成他们的习惯
they’re already accustomed to it

他们无需瞪大眼睛
they don’t need to open
their eyes wide

走在路上
to walk down the roads

比你想象的
a utopia even more wanton

要肆意的世外桃源
than you imagined

就在他们家门口
is there on their doorstep

对他们来说
for them

新鲜的
what’s new

是我们这些面孔
is our faces

无论怎么回事都不重要
what happens isn’t important

这儿不缺来历
this place doesn’t lack history

重要的
what’s important

是得有些酒
is to find some wine

我们都需要喝点
we all need a little something to drink