Maria, ihm fehlt ein Arm!

Ich bin in Bingen am Rhein geboren. Das ist eine Kleinstadt etwas westlich von Mainz. Mainz ist wiederum westlich von Frankfurt am Main. Alle, die sich jetzt immer noch nicht zurechtfinden, sollten vielleicht einfach mal hinfahren. Frankfurt ist eindeutig gemütlicher und gastfreundlicher als sein Ruf, Mainz geht auf eine alte Römersiedlung zurück und hat mit dem Open Ohr seit 1975 ein feines Festival für Kunst und Musik. Im gegenüberliegenden Wiesbaden hat Dostojewski damals seine Verlagsvorschüsse im Kasino verspielt, und die Gegend links und rechts des Rheins stromabwärts wird von Mary Shelley in Frankenstein wie folgt beschrieben:

Eben noch erblickt man rauhe Felsen und verfallene Burgen, die über ungeheuren Abgründen hängen und unter denen der dunkle Strom dahinschießt; doch nach einer scharfen Krümmung liegen hinter dem Vorgebirge plötzlich üppige Weingärten, grüne Hänge, ein sich mäandrisch windender Fluß und belebte Städte vor einem.

Fast genau so sieht es dort heute noch aus, wenn man von den Hochleitungen der Bahnstrecken und den Campingplätzen am Ufer absieht. Die mittelalterlichen Burgen sind immer noch die Schmuckstücke des Rheins und für Familienausflüge seit Generationen die erste Wahl.

Wir sind natürlich öfter im Jahr in dieser Gegend, um meine Verwandtschaft zu besuchen. Doch wenn wir zu viert dort in den Haushalten anrollen, hat man oft wenig Raum für Rückzug und darunter leidet dann auch etwas der Genuss der Zeit, die man zusammen verbringt. Im Hotel übernachten und das in der Heimat, das erscheint mir dann doch etwas übertrieben. Da ich begeisterter von Airbnb-Nutzer bin, haben wir es uns an einem Wochendende im Herbst in einer Ferienwohung mit Blick auf das Rheintal in Trechtingshausen bequem gemacht. Von hier aus sind alle Freunde und Verwandte gut zu erreichen, aber wir können ausschlafen und uns ohne Rücksicht auf die Gastgeber auch mal in die Wolle kriegen.

Und wie das so ist, wenn man am Rhein wohnt, ist die nächste Burg nur einen Spaziergang entfernt. Raue Felsen, üppige Weinberge, genauso wie es Viktor Frankenstein mag. Seit 1899 befindet sich die 1000 Jahre alte Burg Reichenstein im Besitz der Familie Puricelli, direkte Nachfahren von Friedrich Wilhelm Utsch, auch bekannt als der Jäger aus Kurpfalz.

Utsch hat nicht nur gerne dem Wild im Wald die Kugel gegeben, sondern war auch Besitzer der Rheinböllener Eisenhütte. Folgerichtig hängen an den neugotischen Wänden in dieser Burg „eine der größten Geweihsammlungen Deutschlands sowie eine einzigartige Sammlung historischer Öfen und Takenplatten„.

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Geweihe und Takenplatten. Männer können mit so wenig glücklich sein.

Mit Kindern Burgen besuchen ist das Größte. In den verwinkelten Gängen eilt die Fantasie immer ein Stück voraus, man erklimmt Stockwerk um Stockwerk, dann kommt plötzlich ein kleiner, nach einer Seite geöffneter Hof mit einer grandiosen Aussicht. Hinter Gittern stehen Ritterrüstungen, an den Wänden hängen Streitäxte, Schwerter und Morgensterne. Unsere Welt hat sich verändert, aber die Leute auf den alten Fotos und Stichen sehen aus wie wir. Seltsam.

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Alles im Blick. Hinter der Kuppel beginnt bereits der Hunsrück.

Vieles in und an dieser Burg ist alt, aber außer einigen Mauersteinen und etwas Mörtel stammt kaum etwas davon wirklich aus dem tiefsten Mittelalter, das wir versuchen heraufzubeschwören, als wir durch die Räume wandern. Die barocke Pietà in der Burgkappelle ist da schon ein echtes Highlight.

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Man muss zur Kunst des Barock vielleicht etwas wissen, um daran Spaß zu haben: Zum ersten mal in der Kunstgeschichte ist im Barock nämlich die ideale Wirklichkeit wichtiger als eine naturgetreue Abbildung und das Kunstwerk soll dazu nicht ohne Weiteres zugänglich sein. Gleichzeitig hält ein gewisser Ungehorsam Einzug in die Darstellungen, da in dieser Epoche immer mehr das aufstrebende Bürgertum den Lauf der Geschichte bestimmt, und das ist im Vergleich zu den kirchlichen und staatlichen Sittenwächtern äußerst experimentierfreudig. Nördlich der Alpen war der Einfluß der Fürsten und Könige dazu weniger umklammernd als in Frankreich und in Italien. Deshalb ist der deutsche Barock teilweise so schön verschroben wie in dieser Skulptur. Die Maria sieht aus wie ein verkleideter Mann, hat ein Doppelkinn und balanciert auf dem Kopf eine Krone, die aussieht wie einen riesiger Muffin. In ihren Armen hält sie einen Jesus mit fliehender Stirn (der Unterarm fehlt schon), das hat schon was von Monty Python. Der Mensch mit seinem inneren Widerspruch, so kann er aussehen. Kunst kann eben auch sehr lustig sein.

Keine 1000 Meter flussaufwärts von hier steht bereits Burg Rheinstein, durch die wir im Stechschritt marschieren, weil wir uns mal wieder zu viel Zeit für das Mittagessen im dortigen „Kleinen Weinprinzen“ genommen haben und bald schon der nächste Verwandtenbesuch mit Kaffe und Kuchen ansteht. Den Flammkuchen mit Salami, halben Trauben und Gorgonzola konnte ich noch einfangen, bevor kleine Finger und ein gieriger Mund ihn zu einem kleinen Stück Burggeschichte machen.

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Den besten Flammkuchen gibt es zu Hause – und im „Kleinen Weinprinz“ auf Burg Rheinstein.

Burg Rheinstein ist ein wenig komprimierter, hat aber mehr Außen-Terrassen, -Treppen und -Wege und dazu eine Menge kleine Zimmer, in denen Bücher, Schiffsmodelle, Karten, Möbel, Lampen und Ölgemalde aus den letzten Jahrhunderten liebevoll ausgestellt werden und manchmal auch wie in einer Rumpelkammer kreuz und quer herumstehen. Küche, Rittersaal, Turmstübchen, Schlafzimmer und Blauer Salon, immer hereinspaziert. Gut gefallen hat mir dieser Bücherregal-Fake neben einem Schreibtisch. Daraus könnte man einen schönen IKEA-Hack machen.

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Es sind die dicken Bücher, in denen man gut schwimmen kann. Alls unter 500 Seite ist seichtes Gewässer.

Wo wir schon bei Getränken sind, die Weinlese am Rhein ist gerade zu Ende gegangen. Was jetzt noch hängt, kommt in den Eiswein oder ist von der Lesemaschine vergessen worden, so wie diese Freunde hier:

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