Figure ist das Instagram für Musiker

Seit ca. 1989 benutze ich einen Computer, um Musik zu machen. C64, Amiga, Atari ST, Windows-PC, Macbook. Das ist meine bisherige Timeline. Wobei die Windows-Phase ganz eindeutig die qualvollste war. Da klappte jahrelang weder zuverlässig der MIDI-Part noch konnte man flüssig Audiodateien bearbeiten und hintereinander hängen. Am schönsten aber war es bisher mit dem ASQ-10 von Akai, dem Vorläufer der legendären MPC, die beim HipHop-Sound der 90er den Takt angab und immer noch von vielen Künstlern eingesetzt wird.

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Das bis jetzt letzte Glied in der Kette meiner Produktionsmittel ist das iPad/iPhone. Da hatte ich in den letzten Jahren immer wieder mal die ein oder andere Musik-App angetestet, aber irgendwie der Sache nicht getraut. Nicht unbedingt wegen der Performance der mobilen Geräte als eher wegen dem App-Prinzip, das ich als irgendwie zu hermetisch für einen tauglichen Austausch zwischen den Tools empfand.

Am letzten Wochenende habe ich mich dann während der Digital-Kunstmesse UNPAINTED in München mit Gary Danner vom AV-Performance-Duo Station Rose unterhalten und mir sein Setup näher angeschaut. Mit ihren außerirdischen Elektro-Dub-Performances während der vier Tage in der Kesselhalle hat er mich dann extrem neugierig gemacht, wie man das iPad als vollwertiges Instrument in den Gerätepark einbaut.

Gary tippt auf Gesture. Station Rose auf der UNPAINTED in MŸünchen. Foto: Felix Hšörhager

Gary tippt auf Gestrument. Station Rose auf der UNPAINTED in MŸünchen. Foto: Felix Hšörhager

Ins Detail möchte ich nicht gehen, aber das Foto zeigt ja bereits: Das Laptop hält gerade die Klappe, auf dem iPad hat Gary Gestrument offen, eine 8-Euro-App, die ich mir demnächst auch näher anschauen möchte. Also dann, wenn ich mit Figure fertig bin, das er mir auch empfohlen hat. Und das kann noch dauern. Seit drei Tagen nutze ich jede freie Minute morgens, abends, in der Bahn, an der Kasse im Supermarkt, um mit der App blitzschnell kurze Tracks bauen. Miniaturen, jeweils nur 15-25 Sekunden lang, die ich anschließend auf Soundcloud hochschieße, wo meine Skizzen-Sammlung immer weiter anwächst:

Das ist natürlich ganz was Anderes, als sich mit dem Kopf voller Ideen vor den Computer zu setzen und stundenlang Spuren zu schieben und an Knöpfchen zu drehen, damit man am Ende einen „Song“ zusammen hat, der laut Pophistorie doch bitte mindestens drei Minuten lang sein soll, gerne auch länger. Ich muss sagen, dieses Miniatur-Format von Figure passt mir sehr gut, vor allem passt es in meinen Alltag, der ja primär mit anderen Dingen als Musikproduktion ausgefüllt ist.

Wer die Band The Residents kennt, dem ist die Idee von Kürzestsongs nicht ganz fremd. Auf ihrem „Commercial Album“, das 1980 erschien, und meine Musiksozialisation als Kind nicht unbedeutend beeinflusste, reihen sich insgesamt 40 jingleartige Kompositionen mit jeweils einer Minute Länge aneinander. Man kann das Album durchhören und ist danach vielleicht sogar ein besserer Mensch. Ganz sicher aber hat man sich ein wichtiges Stück Avantgarde-Musikgeschichte einverleibt.

Tja, und dann habe ich meiner dreizehnjährigen Tochter Figure vorgestellt. Sie hat sofort losgelegt und das iPad ordentlich zum Quietschen gebracht. Seitdem reden wir darüber, wie sie ihre Tracks zu ihrem Soundcloud-Account hochbekommt, ohne dass wir die App immer wieder neu authorisieren müssen. Und wie man den Musikunterricht in der Schule mit solchen Apps interessanter machen könnte. Schulsystem und App-Kosmos, beides doch ziemlich hermetische Systeme, an denen Kreative sich immer wieder die Birne anstoßen.

Einen richtigen Soundcloud-Support hat Figure übrigens nicht. Propellerhead möchte über seine Apps gerne seine eigene Community allihoopa pushen, die sich von Diensten wie Soundcloud in einem sehr wichtigen Punkt unterscheidet: Man kann ausschließlich Tracks hochladen, die man mit Propellerhead-Software gebaut hat. Damit hat das Unternehmen weniger Stress mit Copyright-Verletzungen durch ihre User und kann außerdem sehr genau messen, wie die Kundschaft die Software einsetzt. Und man kann jeden Track eines anderen Nutzers herunterladen und weiter bearbeiten. Das verbindet und schafft mehr Aufmerksamkeit in der Community.

Und was mir noch gefällt: Auf allihoopa werden meine Stücke einmal geloopt, laufen also doppelt so lang wie auf Soundcloud und setzen sich mit einer Länge zwischen 30 und 40 Sekunden auch besser im Ohr fest. Aber entscheidet selbst:

Wer’s braucht: Propellerhead hat Figure jetzt auch für Windows 10 veröffentlicht.