Ausgelesen: „Der goldene Handschuh“ von Heinz Strunk

Das erste Buch, das mir richtig aufs Gemüt schlug, war Aufzeichnungen eines Dirty Old Man
von Charles Bukowski. Da war ich achtzehn Jahre alt. Solche Sätze hatte ich vorher noch nie gelesen. Dass Menschen ein solches Leben führen können, unmöglich! Als ich mich erholt hatte, sog ich seine Geschichten in mich auf als wäre ich am Verdursten. Bukowski hat mir gezeigt, dass man mit jedem Menschen mitfühlen soll, egal welches Schicksal dahinter steckt. Er war der dreckige Gegenpol zum kleinbürgerlichen “Selbst dran Schuld”. Es war schön, zu wissen, dass es so jemanden gab, der dazu auch noch Erfolg mit seinen Geschichten hatte. Nur wenige Autoren und Bücher haben mich danach an die Kotzgrenze gebracht: Bret Easton Ellis mit “American Psycho”, ohne Frage. Zuletzt Cormac McCarthys “The Road”. Und jetzt eben “Der goldene Handschuh” von Heinz Strunk. Da steht er in einer schönen Reihe, der Heinzer. Das hat er sich verdient.

“Hitze, Honka, HSV” titelte die Bildzeitung damals im Sommerloch 1975. Die Hamburger Feuerwehr hatte nach einem Brand drei zersägte und in Müllbeuteln verpackte namenlose Frauen hinter den Wänden der Dachgeschoßwohnung des Nachtwächters Fritz Honka gefunden. Erstaunlich beschrieben im Roman nicht unbedingt Honkas Taten selbst, Strunk schreibt nicht für Voyeure. Alle seine Protagnisten stehen zu ihren Lebzeiten in einem so brutalen Dauerfeuer, als wäre der Krieg immer noch nicht vorbei. Einen einziger Schicksalsschlag berührt sie kaum mehr, so weggeschossen sind sie. Strunk zeigt uns minutiös, wieviele Sprossen die Leiter nach unten haben kann, wobei er sich dabei auf den Teil im unteren Drittel konzentriert. Was ein Mensch alles aushalten kann! Wie für diese armen Teufel der Tod ständig greifbar und in den schwachen Momenten eine gar nicht mal so schlechte Alternative darstellt. Wer dabei nicht mitfühlt, der fühlt nichts mehr.

Was Strunk schon immer gut draufhatte, das immerwährende Pochen in unserem Innern ans Licht zu holen: Blut, Sperma, Pickel, Kotze, alle Körpersäfte kann er, ganz der Musiker, wie kein zweiter orchestrieren, dass einem das Lachen zuerst Halse stecken bleibt und dann doch irgendwann aus einem rausbricht. Das gehört zu seinem Werkzeugskasten wie die Wiederholung zu dem von Thomas Bernhard. Seine Figuren verzweifeln konstant an ihren eigenen Körpern. Und an ihren obsessiven Gedanken. Wer sich davon ausnehmen kann, der lebt nicht.

Gute Literatur ist ja gerade dafür da, dass wir ganz nah ans Feuer treten können, ohne uns zu verbrennen. Und in uns drin arbeitet derweil unermüdlich der Empathiemuskel, so wie Bukowski an seiner Schreibmaschine. Diesen erschlafften Muskel bei uns wieder zu aktivieren, das vermag Strunk wie kein anderer mit den ihm ganz eigenen Mitteln.