Monthly Archives: Dezember 2016

Ausgelesen: „The Ballad of Black Tom“ von Victor LaValle

Mein letztes Buch für dieses Jahr: eine 2016 erschienene Novelle des US-amerikanischen Autors Victor LaValle. Sein neuestes Buch und eines, über das man in englischsprachigen Horror-Buch-Blogs in diesem Jahr immer wieder lesen konnte. Mit „The Ballad Of Black Tom“ liefert LaValle einen wirklich gelungenen Beitrag zum Lovecraft-Universum ab, nach dessen Lektüre man sich den alten Meister gerne nochmal vornimmt, so sperrig er auch manchmal ist.

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Stephen King über Kindheit und um die Ecke denken

Stephen King ist nicht für seine Kinderbücher bekannt. Doch in seinen Geschichten tauchen nicht selten sehr junge Figuren auf (z.B. „Es“, „Friedhof der Kuscheltiere“, „Shining“). Er gehört zu den Schriftstellern, die plausibel aus der Sicht eines Kindes oder Jugendlichen schreiben können und nutzt das nicht selten als Zentrum und Motor seiner Geschichten.

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Wie man eine gute Horror-Story schreibt (Teil 1)

Writing Dark Stories: How to Write Horror and Other Disturbing Short Stories” ist der sechste Band aus Rayne Halls “Writer’s Craft Book”-Reihe. Es hat mir kurz und knapp und sehr verständlich rübergebracht, auf was es beim Schreiben von Horror- und Mystery-Stories ankommt und welcher Weg für Rayne selbst bei der Ideenentwicklung am besten funktioniert. Da es sich um ein englischsprachiges Buch handelt, habe ich hier die wichtigsten Punkte aufbereitet, denn etwas Vergleichbares speziell für Horrorgeschichten habe ich bisher in keinem deutschsprachigen Schreibratgeber gefunden.

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Ausgelesen: „Der Ozean am Ende der Straße“ von Neil Gaiman

Ein Märchen für Erwachsene, so heißt es immer dann, wenn am Anfang der Geschichte ein Mensch jenseits der Vierzig mitten in einer Krise zu den Schauplätzen seiner Kindheit zurückkehrt und darin die Magie entdeckt, die ihn die ganzen Jahre hindurch unbemerkt angetrieben hat, was er aber erst am Ende der Geschichte so richtig kapiert.

Wie so oft ist es auch bei diesem Buch schade, dass wegen seines phantastischen Themas wahrscheinlich nur einen kleinen Kreis jenseits der Fantasy-Genrepublikums erreichen wird. Phantastische Literatur unterliegt ja immer erst mal dem Verdacht, kindischer Nonsens zu sein. Damit die Tante mit dem Zeit-Abo dieses Buch für ihre Nichte kauft, sollte wenn möglich ein Zitat von Daniel Kehlmann auf dem Schutzumschlag stehen. Sowas wie „Ein poetisches Juwel, wie man es nicht oft zu lesen bekommt.“ (Übrigens ein für Daniel Kehlmann ziemlich gruseliger Satz, ich bezweifle, dass er den Spruch seinem Verlag bei vollem Bewusstsein freigegeben hat.)

Aber Gaiman hat so eine Kumpanei nicht nötig, denn er schöpft sprachlich aus einem ansehnlichen Fundus. Innerhalb der phantastischen Literatur gehört er zu den Ausnahmen und zurecht zu den erfolgreichen Autoren. Die Geschichte dreht sich um die Erlebnisse des siebenjährigen namenlosen Ich-Erzählers, der vor der Kulisse des ländlichen Sussex in seiner Nachbarschaft ein selbstbewusstes elfjähriges Mädchen kennenlernt, das ihn auf einer kurze und intensive Reise in eine Parallelwelt mitnimmt, von der er er als ein Anderer zurückkehrt. Und damit beginnt es erst.

Gaiman zeigt uns in seiner lockeren, einfallsreichen Sprache, wie die englischen Schriftsteller sie oft so gut beherrschen, einerseits den universellen Schrecken, der sich bis ins anatomische Detail seines kleinen Helden ausbreitet. Fast noch besser aber sind seine Beschreibungen von opulenten Frühstücksorgien mit Pfannkuchen, Haferbrei mit warmer Soße, Fruchtsäften aus eigener Herstellung und schwarzen Tee, wie man ihn in England heute nicht mehr bekommt. Diese Stellen im Buch machen umgehend Appetit. Hier kann Gaiman einer Enid Blyton locker das Wasser reichen. Mindestens jedoch kann man sich hier als Schriftsteller auch mal abschauen, wie man es richtig macht. Kinder müssen essen. Auch Kinder in Büchern.

Gaiman ist ein grundehrlicher Autor, der sich seiner Schwächen bewusst ist. Es gibt Schlußfolgerungen in den Köpfen der Figuren, die mir nicht ganz einleuchten oder auch mal zu holprig sind. Halb so schlimm. Stephen King ist darin der größte Wiederholungstäter.

Dahinter steht jedoch die ungezügelte Phantasie eines Schriftstellers, der einfach nicht anders kann als jetzt eben genau diese Geschichte zu erzählen. Und davon haben wir ja auch etwas.

Neil Gaiman berühmtes Buch heißt “American Gods”. In dieser Taschenbuchausgabe findet man am Ende eine bisher unveröffentlichte Kurzgeschichte, die eine Art kleines Sequel dazu bildet.

Der Ozean am Ende der Straße: Roman
von Neil Gaiman
Bastei Lübbe, 2016
320 Seiten

Ausgelesen: „Unterleuten“ von Juli Zeh

Seit 16 Jahren steht das Blaue Sofa abwechselnd auf der Frankfurter und auf der Leipziger Buchmesse. Darauf fanden bereits über 2.300 Autorengespräche statt, u.a. mit vielen Nobelpreisträgern und im Frühjahr 2016 in Leipzig mit Juli Zeh, die zu dieser Zeit gerade ihr bisher dicksten Buch herausgebracht hatte, das ich aber erst ein paar Monate später lesen sollte. Jetzt habe ich es schon lange durch und bereits weitergeschenkt. Nicht weil es mir nicht gefallen hat, sondern weil es nicht untätig und nur zum Angeben in meinem Bücherregal stehen soll.

Juli Zeh saß also auf dem Blauen Sofa in Leipzig, die Moderatorin hatte sich wie immer gut vorbereitet, zumindest schien sie das Buch oder Ausschnitte daraus gelesen zu haben. Irgendwann kam der Satz, den sie sich nicht verkneifen konnte: „Sie haben mit ihrem neuen Buch einen Pageturner geschrieben.“ Mir schien als ob Juli die dunkelhaarige Dame kurz aus den Augenwinkeln taxierte. Dann setzte sie ihr rotgeschminktes Lächeln auf und bekannte sich offen schuldig. Ja, sie hatte schon immer mal einen Pageturner schreiben wollen. Amüsiertes Lächeln der Moderatorin. Juli hat längst die Faxen dicke und würde jetzt gerne eine rauchen, dachte ich mir. Aber was soll’s? Öffentliche Demütigung gehört zum Verkaufsgespräch im Showbusiness.

Juli Zeh auf dem Blauen Sofa auf der Leipziger Buchmesse

„Stimmt es, dass Sie mit Ihrem neuen Buch einen Pageturner geschrieben haben?“

„Pageturner“ ist ein Begriff aus der modernen amerikanischen Literatur, mit dem man ein Buch bezeichnet, das den Leser fesselt, ein spannendes Buch also. Der Begriff wird  hierzulande aber auch gerne mal als Vorwurf gebraucht. Spannung ist schließlich was für Spanner. Wenn die digitale Disruption, die derzeit die Verlagshäuser so in Atem hält, auch nur mal ein Stückchen dieses Hochmuts, der schon so lange so fest zum deutschen Literaturbetrieb gehört wie der Sack zum Nikolaus, zu fassen bekäme und ihn in seiner von künstlicher Intelligenz gesteuerten Eisenfaust mal leicht anquetscht, dann wäre es vielleicht möglich, dass Schriftsteller wie Juli Zeh, die (wieder mal) ein “spannendes” Buch geschrieben haben, deshalb nicht gleich in der nächsten Talkshow oder auf einem Sofa welcher Farbe auch immer ins Kreuzverhör genommen werden.

Bücher, die außergewöhnliche Geschichten erzählen, die man mit Freude liest und bei denen man nicht merkt wie die Zeit vergeht, genau die suche ich ständig. Ich meine Bücher, die auch mal ohne einen jonglierenden Ermittler mit dunkler Vergangenheit auskommen, auf den zu Hause nur die Wodkaflasche und die geladene Pistole in der Nachttischschublade  wartet. Also solche Bücher, wie Juli Zeh sie schon seit Jahren schreibt.

Zugegeben, nicht alle waren Pageturner. Aber „Unterleuten“, das ist ein Roman, wie ich ihn mir wünsche. Mit gereiftem erzählerischen Können hält sie ihr Schriftsteller-Brennglas über ein fiktives Dorf in Brandenburg. Sie bringt hier Feuer zum qualmen, mit denen frisch Zugezogene vergrault werden sollen, hier blockiert man die Zufahrt für den Scheißewagen, damit der Nachbar noch eine Woche länger den Gestank der Jauchegrube in der Wohnung stehen hat, hier werden alte Rechnungen so lange aufgeschoben bis es kracht.

Nach ein paar hundert Seiten wissen wir wo jedes Haus steht. Wir brauchen nicht zu kombinieren oder zu erraten, wer der Mörder ist. Fast jeder in Unterleuten würde für irgendetwas töten, sei es für den Vogelschutz, für den Windpark, für das Spiele-App-Start-up, für die eigene Pferdekoppel oder für das Vergessen ihrer Verbrechen.

Die Kapitel tragen jeweils die Nachnamen der Protagonisten, neben denen wir dann immer eine Weile herlaufen dürfen. Wir stehen in renovierten Hausfluren, in Küchen, in deren Wänden das Bratfett von fünfzig Jahren steckt, wir stehen in großzügigen wilden Gärten und schauen auf das flache Brandenburg, auf das bald die Windräder lange Schatten werfen sollen. Wir stehen im lauten Wirtshaus, wo die 250 Einwohner sich treffen und beraten, aber sich dann doch beschimpfen und aneinanergeraten. Wir sitzen auf dem Beifahrersitz des stinkreichen Spekulanten, der die sanft geschwungende Landschaft nur durch die niedrige Windschutzscheibe seines Roadsters wie durch einen Burkaschlitz betrachten kann, das große Bild kriegt er nicht mit, das kennen nur wir Leser.

Nach 640 Seiten sind wir genau im Bilde und dann leider auch schon wieder raus aus Unterleuten. Zu schnell geblättert, du haltloser Mensch.

Juli Zeh: „Unterleuten: Roman
Roman.
Luchterhand, 640 Seiten

Ausgelesen: „Hold Your Own“. Gedichte von Kate Tempest

Die Reime von Kate Tempest, die eigentlich für den Live-Vortrag gedacht sind, in ein Taschenbuch zu drucken, mit der Übersetzung auf der gegenüberliegenden Seite, bedeutet eine Zähmung, die man als deutscher Leser gerne in Kauf nimmt. Dass wir hierzulande die modernen Poeten aus England und USA oft in freudloser Suhrkamp-Ästhetik lesen, daran haben wir uns gewöhnt. Der große Vorteil einer solchen Ausgabe: Man kann die sonst schnell rausgefeuerten Sätze in Ruhe im eigenen Tempo lesen und bei Unsicherheiten auch mal die Augen über die deutsche Übersetzung wandern lassen. Nicht jeder kann einem Slam-Poetry-Vortrag lückenlos folgen.

Die Gedichte bezeugen die hohe Musikalität der Autorin, die James Joyce und Charles Bukowski genauso verehrt wie den Wu-Tang Clan. Hinter ihrer rauhen Sprache steckt oft der liebevolle Blick auf die Menschen in ihrer Hood. Ihre Bilder sind stark und wir dürfen ganz nah dabei sein.

Der Band ist keine lose Sammlung von Gedichten, sondern hat Konzept. Tempest ist fasziniert von der Teiresias-Sage (schon bei ihrer Spoken Word Performance “Brand New Ancients” (2012) gab es den Bezug zu den antiken Helden). Der blinde Seher Teiresias soll uns als Vorbild bei unserer Selbstsuche dienen und uns lehren, „Was es heißt: sich zu behaupten“. Nur sind wir damit beschäftigt, „im Netz Identitäten sammeln / Und in unsere Smartphones glotzen“.

Tempest lässt Teiresias in verschiedenen Figuren auftreten: als 15-jährigen Schüler, als junge Frau, als erwachsenen Mann und als alten tattrigen Propheten auf der Straße, der dazu verurteilt ist, die Wahrheit zu sagen, die sich in einer neoliberalen Gesellschaft niemand mehr anhören möchte.

Ganz im Gegensatz zu so vielen anderen Spoken-Word-Künstlern zeigt sie ihre Kampfbereitschaft nicht durch Aüßerlichkeiten. Auch mit mittlerweile 31 Jahren sieht sie der 16-Jährigen, die damals die Spoken-Word-Bühne zum ersten Mal betrat, immer noch sehr ähnlich. Goldene Locken beben um die erhitzten Wangen.

Tempest ist in Südlondon aufgewachsen und kann bereits auf einen reichen Lebenserfahrungsschatz zurückblicken, den Sie in Ihrer kraftvolle Sprache durch ehrliche und bodenständige Weisheiten auf den Punkt bringt. Dabei ist sie “mehr als modern, sie ist praktisch Science Fiction”, lobt The Guardian. Streetsmart nennt man das auch.
Wir brauchen Dichter, die mitten unter uns leben und uns verstehen wollen. Wir selbst sind dafür zu beschäftigt mit dem Polieren unserer Online-Profile.

Kate Tempest: „Hold Your Own“
Gedichte. Englisch und deutsch
Aus dem Englischen von Johanna Wange
Edition Suhrkamp, 2016. 233 Seiten, 16,00 Euro

Ausgelesen: „Von Männern, die keine Frauen haben“ von Haruki Murakami

Wenn Männer keine Frauen haben, was passiert dann mit ihnen? Wenn sich jemand wie Haruki Murakami mit einer solchen Frage beschäftig, dann kommt etwas ganz Besonderes dabei heraus. Man wundert sich immer wieder, wie er es schafft, mit dieser glatten, unaufgeregten Sprache, die so gut davon erzählt, wie sich Leute etwas zum Essen zubereiten oder ein Bier aus dem Kühlschrank nehmen, wie er von dort aus mit einem Male die Oberfläche durchstößt. Man erinnert sich nicht mehr, wann die Geschichte kippt und Dinge aus seinen Charakteren herausholt, die irritieren, erschaudern lassen und zu Tränen rühren können.

Noch Tage später steht man in der Küche und auf einmal hat man einen Murakami-Moment und die Geschichte, die man vor Kurzem gelesen hat, schlägt sich nochmal vor einem auf, diesmal von einer anderen Seite. In seinen Kurzgeschichten ist Murakami ungewöhnlich stark. In diesem Band geht es wirklich um Männer, deren frauenloses Dasein etwas Problematisches hat, im schlimmsten Fall etwas heraufbeschwört, etwas Dunkles, Unheilvolles, mit dem sie aber irgendwie leben müssen.

So wie moderne Männer eben sind, auch Murakamis Männer verpassen den Moment, in dem es gut wäre, sich zu binden und sich zu bekennen zu einem Menschen, von dem man sehr gut weiß, dass man so jemanden nicht alle Tage trifft. Aber es ist nicht mehr zu ändern, also lebt man im Dunkel weiter und stirbt irgendwann. Das haben wir nicht im Griff. Bei unseren Handlungen sind Kräfte am Werk, über die wir keine Macht haben, so sehr wir uns auch das Gegenteil einreden.

Dass Murakamis Schreibe irgendwie nicht vom Fleck kommt, das nervt die einen und die anderen lieben gerade das. Ich bin immer wieder überrascht, dass man seine Bücher tatsächlich zuende lesen kann und das auch noch in einem Tempo eines Süchtigen.

Haruki Murakami: „Von Männern, die keine Frauen haben
DuMont, 2014
254 Seiten

Ausgelesen: „Shining“ von Stephen King

Man denkt man kennt dieses Buch, wenn man Kubricks Verfilmung gesehen hat. Selbst oder gerade ein Film wie „Shining“ wird seiner Vorlage nur in Teilen gerecht. Darüber wurde viel geschrieben und der Vergleich langweilt mittlerweile. Mir war nur irgendwann aufgefallen, dass ich Stephen Kings Roman noch nie gelesen hatte. Auf dem örtlichen Wertstoffhof fiel mir eine Bücherbundausgabe in die Hände, den lächerlichen Schutzumschlag entsorgte ich noch vor Ort. Aber der Inhalt war ja derselbe, den man als die hier erhältliche deutsche Übersetzung von Harro Christensen kennt, einer, der auch danach noch ein paar Romane von King übersetzt hat, unter anderem „The Stand“.

Wahrscheinlich ist „Shining“ das Buch von King, das sich mit den meisten Superlativen schmücken kann. Der Horror hier ist extrem beunruhigend und Kings Schreibe auf ihrer ersten Höhe angelangt. Es gibt nicht Wenige, die es für sein bestes Buch halten und mit diesen Leuten möchte ich nicht streiten. Mit dem Overlook Hotel hat er eine Kulisse geschaffen, die nach ihm viele kopiert haben. Als Spukhaus hat es alles was es braucht: eine Meute Geister, die allabendlich feiern bis zum Morgengrauen, lebendige Heckentiere, die vor dem Gebäude darauf achten, dass niemand entkommt und die berühmte tote Frau in der Badewanne. Man muss die Dame nur erwähnen und der Adrenalinspiegel steigt an.

„Shining“ ist aber gleichzeitig ein Buch, das es einem leicht macht, einzutreten. Wer Kings Horror mag, der fühlt sich dort so wohl wie in kaum einem anderen seiner Bücher. Das liegt an einem sehr menschlichen Jack Torrance, der sich von Anfang an in das Spukhotel verliebt und auf Gegenliebe trifft. Mit Jacks Alkoholproblem geht King enorm empathisch um und macht den armen Mann nicht zum Verrückten, sondern zu einem Kranken Menschen, den seine Familie hilflos ins Dunkle abgleiten sieht.
Dreißig Jahre später schrieb King mit „Doctor Sleep“ eine Fortsetzung, der ich allerdings keine Zeile zu viel widmen möchte. Aber auch hier strickt er am Verständnis für den Alkoholkranken weiter. Er weiß eben wovon er spricht. „Shining“ hat so viele Ebenen wie das Overlook-Hotel Zimmer. Man muss sie nicht alle gesehen haben, aber manche lassen einen nicht mehr raus.

Ausgelesen: „Worauf du dich verlassen kannst“ von Kate Tempest

Mit ihrem Romandebüt zeigt die preisgekrönte Rapperin Kate Tempest, dass sie auch die Langform der Dichtkunst beherrscht. Dabei macht sie Vieles anders als ihre Literaten-Kollegen. Ihre Sprache führt den Leser extrem nah an die Personen heran, fast jeder Satz ist ein Close-up gefolgt von einem nervösen Schwenk zum nächsten Charakter. Beinahe wie in einem Augmented Reality-Spiel legt Tempest ganz oft eine zweite optische Ebene über die Bilder, auf der sie sich mit Freude austobt:

„Die Frau leuchtet so grell in Harrys Augen. Sie explodiert aus sich selbst heraus wie ein Feuerball. Heller und heller. Ihre Konturen sind elektrisch und ungestüm, sie schlagen in die Party ein wie Blitze, sie spalten und versengen sie und funkeln wie Sonnenlicht, das sich im Wasser spiegelt und zu Hitze wird.“

Viele Kapitel beginnen mit einem mikroskopischen Blick auf das Körperliche, auf die starken Gefühle, die wie Schweiß aus den Poren triefen. Zwischendurch zoomt sie immer wieder heraus auf das fiebrige Leben in den Straßen und Cafés im Südosten Londons, wo Tempest geboren und aufgewachsen ist.

Viele der Charaktere begleiten Sie schon eine Weile, manche tauchen bereits auf ihrem Album „Everybody Down“ (2014) auf. Man merkt, wie sehr sie an den Menschen und an ihrer Hood hängt, sie lässt es nicht zu, alle Hoffnung fahren zu lassen, nicht von ihr, nicht von uns.

Ihre vitale Energie wird leider durch die deutsche Übersetzung in Portionen aufgeteilt, denen es oft an Geschmack fehlt. Schon den ursprünglichen Titel des Romans “The Bricks that Built the Houses” mit dem Larifari-Satz “Worauf du dich verlassen kannst” zu übersetzen, macht skeptisch. Wer sich darauf verlassen möchte, die ungefilterte Kate Tempest zu lesen, der greife besser zum Original.

978-3-499-26989-9