Wie man eine gute Horror-Story schreibt (Teil 1)

Writing Dark Stories: How to Write Horror and Other Disturbing Short Stories” ist der sechste Band aus Rayne Halls “Writer’s Craft Book”-Reihe. Es hat mir kurz und knapp und sehr verständlich rübergebracht, auf was es beim Schreiben von Horror- und Mystery-Stories ankommt und welcher Weg für Rayne selbst bei der Ideenentwicklung am besten funktioniert. Da es sich um ein englischsprachiges Buch handelt, habe ich hier die wichtigsten Punkte aufbereitet, denn etwas Vergleichbares speziell für Horrorgeschichten habe ich bisher in keinem deutschsprachigen Schreibratgeber gefunden.

  1. Feiglinge sind die besten Horror-Autoren.

Stephen King hat in einem Interview zugegeben, dass er immer mit einem Nachtlicht schläft und er es nicht ausstehen kann, wenn nachts seine Füße unter der Decke hervor ragen. Auch Rayne Hall ist der Meinung, dass die eigenen Ängste immer noch die beste Grundlage für Geschichten darstellen, da man diese eben am intensivsten beschreiben kann. Angst vor Feuer, vor Spinnen, vor Zahnarztbohrern, das kennen wir alle. Aus ausgewachsenen Ängsten und Phobien kann man überzeugende Stories schreiben. Und auch in einem Kindheitstrauma, das man mittlerweile abgelegt hat, ist noch genug Saft für eine Geschichte drin. Rayne schlägt vor, eine Liste dieser Ängste, Alpträume und auch gewöhnlichen Dinge, die einen beunruhigen, Unbehagen oder Ekel erzeugen, in einer Tabelle anzulegen und diese kontinuierlich zu pflegen. Da kommt schon was zusammen. Die Schnecken im Garten, der Geruch von Orchideen, des Geräusch, wenn jemand mit den Fingerknöcheln knackt. Hier fängt alles an. Starte mit zwanzig und baue die Liste kontinuierlich aus.

  1. Aus starken Titeln können starke Geschichten werden

Ein Arbeitstitel, der dir bereits eine Gänsehaut verpasst, ist ein guter Start, um daraus eine gute Geschichte zu entwickeln. Auch hier kommen Listenfreaks auf ihre Kosten. Nimm die Ängste aus Punkt 1 und überlege dir zu jeder einen oder gleich mehrere Titel. Ich habe hierfür einen zweiten Tab im Ängste-Spreadsheet angelegt und teile die Titel in Spalten nach Anzahl der Silben ein. Ich habe keine Ahnung, ob das Sinn macht. Aber manchmal hat man eine Idee, welche Stimmung der Titel vermitteln soll. Und ich finde zwischen “Es” und “Der Untergang des Hauses Usher” liegt nicht nur ein ganzes Jahrhundert, es werden auch komplett andere Erwartungen erzeugt.

  1. Freies Schreiben

Wir alle schreiben unsere Geschichten heute am Computer. Das hat viele Vorteile, bringt aber auch Probleme mit sich. So gut wie alle Rechner sind heute ständig mit dem Internet verbunden. Gerade hat man die erste Zeile geschrieben schneit eine Mail rein und man schaut mal schnell, wer da geschrieben hat. Könnte ja was Wichtiges sein. Auch das Smartphone, das neben einem bereit liegt, brummt und pingt, weil jemand meinen letzten Facebook-Post kommentiert hat. Beim Schreiben ist es aber wichtig,  sich am Stück konzentriert mit einer Idee zu beschäftigen. Das gilt heute genauso wie zu Tolstois Zeiten. Und der hatte eine Schar von Kindern, die ihn auf Trab gehalten haben. Konzentration in einem lebhaften Umfeld braucht radikale Maßnahmen.

Wer immer nur einen Schritt ins Wasser geht und dann wieder einen zurück ans Ufer, der wird kaum einen großen Fisch fangen. Genauso ist es mit den Ideen. Setze dich hin, fange an zu schreiben und lasse dich von deinen Gedanken treiben. Korrigieren streng verboten, ganz egal wie falsch du ein Wort geschrieben hast. Du bist hier nicht in der Schule. Betrachte deine geschriebenen Sätze erst später, morgen oder nächste Woche. Ein für mich hilfreiches Tool ist das Chrome-Plugin Pomodoro. Du kannst dafür auch eine Küchenuhr oder den Timer deines Smartphones hernehmen. Rayne Hall empfiehlt, dass du gleich eine Stunde am Stück schreibst. Wenn du so lange brauchst, um 500 bis 750 Wörter aufs Papier zu bringen, dann ist das die richtige Zeitspanne für dich. Wer schneller schreibt, der kann auch mehr schreiben. Und wer mehr schreibt, wird schneller besser.  

Wenn dir zu deinem Titel oben nichts einfällt, dann stelle dir eine oder mehrere Fragen, die dir als Writing Prompts dienen können: Habe ich das selbst einmal erlebt? Kenne ich jemanden, der so etwas oder ähnliches erlebt hat? Was ist das Schlimmste, was passieren kann? Wie kann die Bedrohung noch verstärken? Was sind die Wünsche der Hauptperson? Wie ist das Wetter in der Geschichte? Das sind nur einige von vielen Fragen, die Rayne Hall in ihrem Buch vorschlägt. Das freie Schreiben kann dazu führen, dass sich tatsächlich nach einer Zeit eine Geschichte herauskristallisiert. Meistens bekommt man so zumindest ein paar gute Ansätze hin, die man später weiterentwickeln kann. Wie auch immer, leg den Text beiseite und hole ihn erst nach ein paar Tagen oder auch Wochen wieder hervor. Dann findest du garantiert Dinge, die du vorher nicht gesehen hast. Streiche sie im Text an und versuche etwas daraus zu entwickeln, das mehr Tiefe hat. Das freie Schreiben funktioniert gerade für Horrorgeschichten gut, weil man hier erst recht in die Tiefen des Unterbewusstseins abtauchen muss.

  1. Lege dich auf ein Genre fest

Wenn du Geschichten schreibst, die man “schlecht einordnen” kann, dann hast du ein Problem. Angefangen damit, dass es schwierig ist, dein Buch in der Buchhandlung einzusortieren oder in einem Online-Katalog einer Rubrik zuzuordnen bis dahin, dass du das Publikum, das etwas bestimmtes von deiner Geschichte erwartet, enttäuschen musst oder dass du schlimmstenfalls gar kein Publikum findest.

Du möchtest dich nicht festlegen? Auch das ist gar nicht so einfach. Die meisten Geschichten gehören von Natur aus irgendeinem Genre an oder haben Elemente aus unterschiedlichen Genres. Sicher, auch Genres verändern sich, die Grenzen werden von erfolgreichen Autoren und Werken verschoben. Aller Wahrscheinlichkeit aber (erst mal) nicht von dir oder von mir. Bevor du als Schriftsteller ein Genre neu definieren kannst, brauchst du ein paar Veröffentlichungen und hast mit Sicherheit noch mehr Geschichten geschrieben, die nie veröffentlicht werden. Ich habe nur eine deutschsprachige Liste von Horror-Genres gefunden, die aber danach schreit, dass man sie erweitert, vielleicht packe ich das demnächst mal an.

Ich selbst habe recht lange gebraucht, um mich festzulegen und bin damit auch noch nicht ganz durch. Manchmal weiß man besser, was man auf keinen Fall schreiben möchte und was dann übrig bleibt, das sollte man sich dann genauer anschauen. Deine Geschichte kann auch mehreren Genres angehören. Es spricht nichts gegen einen Vampir, der sich mit den Geistern von uralten Bäumen anlegt. Das Öko-Gespenster-Vampir-Genre hat vielleicht Potential. Irgendein Autor wird es uns eines Tages beweisen.

  1. Die Erzählperspektive

Eine Horrorstory sollte immer ein intensives Leseerlebnis sein. Ein wichtiges Element dunkler Literatur ist, dass der Hauptcharakter sich in einem nur begrenzten Raum bewegen kann. Ein Haus, ein Zimmer, ein einsame Bahnstation bei Nacht. Die beste Erzählperspektive, die das widerspiegelt, ist der sogenannte “Deep” oder “Limited Point of View”. Er fühlt sich hier am echtesten an, weil er unserer eigenen Perspektive entspricht, mit der wir leben. Wir erleben die Geschichte aus der Perspektive nur einer Person. Es wirkt realistisch und intensiv und du kannst so am leichtesten den Leser in die Geschichte hineinziehen, was für einen Autor eine enorm wichtige Aufgabe darstellt.

Aber diese Erzählperspektive hat auch Nachteile, wenn du zum Beispiel zeigen möchtest, was an anderen Orten passiert. Aber wozu haben wir das Internet und Handys, mit denen deine Hauptperson auch das herausfinden kann? Und Telepathie bei Figuren in Horrorgeschichten ist ebenfalls nicht selten. Ein weiterer Nachteil: Wenn die Hauptfigur stirbt, ist die Geschichte vorbei. Zumindest solange bis jemand sie wieder ins Leben zurückholt, zum Beispiel als Zombie oder Vampir. Du merkst, fantastische Geschichten erlauben so einige Tricks. Das kreidet man ihnen ja auch gerne an. Deshalb sollte das alles unbemerkt und möglichst elegant geschehen. Selbstverständlich kannst du deine Geschichte in jeder Perspektive schreiben, die du dir aussuchst. Mit dem “Deep PoV machst du aber für den Anfang nichts falsch.

  1. Spannung und Spannung

Im englischen gibt es für “Spannung” gleich zwei Begriffe: “Tension und “Suspense”. Was ist der Unterschied? Es gibt die Spannung, die uns dazu bringt, schneller zu lesen, um möglichst bald zu erfahren, was als nächstes passieren wird, das ist “Suspense”. Die andere Art Anspannung verspüren wir, wenn uns etwas nahe geht oder aufwühlt, dabei geht es zum Beispiel um eine Beziehung zwischen zwei Figuren oder um brenzlige Situationen, in denen ein Charakter steckt, also die Folge von dem was vorher passiert ist. Das nennt man “Tension”. So klar sind die beiden Begriffe nicht voneinander zu trennen und es gibt auch Überlappungen. Wir wollen uns nicht in Definitionen verlieren. Wichtig ist, dass beides deine Geschichte interessant macht und den Leser bei der Stange hält. Hier unterscheidet sich die Horrorgeschichte auf den ersten Blick nicht von anderen Genres. Die Hauptfigur braucht ein Ziel oder eine Motivation, es gibt Dinge, die auf dem Spiel stehen, wenn die Figur ihr Ziel nicht erreicht. An dieser Schraube dreht man als Autor in jedem Genre.

Dosierung und Rhythmus stellen in Sachen Spannung vielleicht die größte Herausforderung dar. Beides stellt man sich am besten wie eine Wellenform. Ohne eine Ruhephase erscheint der nächste Höhepunkt flach. Oder um es für eine Horrorgeschichte vielleicht treffender auszudrücken und hier mal einen bekanntes Zitat von Goethe zu bemühen: “(Nur) Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten“. Die Ruhephasen zwischen den spannenden Stellen sollen dabei nicht lang zu sein, es reichen nur einige Absätze. Wir wollen nicht, dass der Leser sich allzu sehr entspannt.

Die bekannten Mittel aus der Trickkiste, um Spannung zu erzeugen, greifen auch hier: Die Frage, die man dem Leser am Eingang in die Hand drückt: Werden sie den Vampir umlegen? Wird die Hauptperson überleben? Werden die beiden am Ende zusammenkommen? Was passiert als nächstes? Es kann mehrere Fragen geben, die im Laufe der Geschichte die Handlung am Laufen halten und eine wichtigere, die erst am Ende beantwortet wird. Auch die “tickende Uhr” funktioniert immer und lässt den Leser das Buch so schnell nicht aus der Hand legen, wenn das Timing stimmt. Rayne Hall widmet diesem Thema in ihrem Buch viel Sorgfalt auf mehreren Seiten.

Im zweiten Teil dieses Beitrags werde ich stärker darauf eingehen, mit welchen Elementen man dem Leser zuverlässig Angst einjagt, wo man seine Geschichte am besten spielen lässt, wie man in einer Horrorgeschichte das Wetter für die Handlung nutzt und wie Einstieg und das Ende aussehen können.

Hast du bereits Erfahrungen mit dem Schreiben von Horror-Stories sammeln können? Auf welche Schwierigkeiten bist du gestoßen? Was sollte man auf jeden Fall beachten? Ich freue mich über eure Kommentare.