Ausgelesen: „The Ballad of Black Tom“ von Victor LaValle

Mein letztes Buch für dieses Jahr: eine 2016 erschienene Novelle des US-amerikanischen Autors Victor LaValle. Sein neuestes Buch und eines, über das man in englischsprachigen Horror-Buch-Blogs in diesem Jahr immer wieder lesen konnte. Mit „The Ballad Of Black Tom“ liefert LaValle einen wirklich gelungenen Beitrag zum Lovecraft-Universum ab, nach dessen Lektüre man sich den alten Meister gerne nochmal vornimmt, so sperrig er auch manchmal ist.

LaValle berührt in „The Ballad of Black Tom“ Lovecrafts Kurzgeschichte „The Horror at Red Hook“ an einigen Punkten und fügt ihr mit der Figur des Charles Tom Tester die Perspektive des schwarzen jungen Mannes aus Harlem hinzu, der sein Geld mit Gesang und Gitarre verdient (obwohl er beides nicht richtig beherrscht) und eines Tages einen Auftrag annimmt, der sein Schicksal besiegelt.

„Red Hook“ gilt nicht zufällig als Lovecraft’s Geschichte mit den meisten rassistischen Untertönen. Es ist bekannt, dass Lovecraft eine zeitlang in New York lebte, wo er die europäischen Einwanderer nach dem ersten Weltkrieg als Bedrohung empfand:

The population is a hopeless tangle and enigma; Syrian, Spanish, Italian, and negro elements impinging upon one another, and fragments of Scandinavian and American belts lying not far distant. It is a babel of sound and filth, and sends out strange cries to answer the lapping of oily waves at its grimy piers and the monstrous organ litanies of the harbour whistles.

„The Horror at Red Hook“ (1927)

LaValle setzt diesem engen Blick Lovecrafts seinen „Black Tom“ entgegen und zeigt die andere Seite einer unruhigen Zeit, als New Yorker Polizisten Menschenschmugglern auf den Fersen waren, die völlig überfüllte Boote an der Einwanderungsbehörde auf Ellis Island vorbei bei Nacht und Nebel an den Docks der Großstadt anlegen ließen.

Das ist der Hintergrund, vor dem LaValles Tom Tester täglich um Essen und um ein Dach über den Kopf für ihn und seinen Vater kämpfen muss. Er trägt einen dunklen, guten Anzug und in der Hand seinen Gitarrenkoffer durch Harlems Straßen – und hat einen magischen Spruch auf seine Haut tätowiert, der die Aufmerksamkeit von reichen Weißen und Polizisten auf sich lenkt. Eines Tags überbringt er eine Seite eines okkulten Buches an eine Zauberin, die im Herzen von Queens wirkt, und weckt damit etwas, das besser geschlafen hätte.

„The Ballad of Black Tom“ hält bis zum Ende alles, was sie verspricht. Wie glücklicherweise viele andere Autoren, die den Cthulhu-Mythos weiterschreiben, hält sich LaValle nicht mit Lovercrafts blumigem, wortreichen Stil auf. Die New Yorker Stadtviertel von vor 100 Jahren macht er hier dem Leser wie auf einer Großleinwand zugänglich und auch die Schatten zeichnet er durchgängig lang und bedrohlich.

Das Attraktive an Lovecrafts kosmischen Horror ist, dass er nicht nur an entfernten Orten und in vergangenen Zeiten funktioniert, sondern beim Lesen seine Tentakel sofort nach uns ausstreckt, wenn der Autor es schafft, echte Ängste beim Leser anzusprechen. Die endlose Unmenschlichkeit eines Cthulhu-Universums, das sich nicht im Geringsten um uns Menschen kümmert, ähnelt auf einmal erstaunlich stark der Unmenschlichkeit eines Heeres teilnahmsloser und gefühlskalter Menschen. LaValle erreicht hier vielleicht mehr als er sich vorgenommen hat. Cthulhu wird zu einer Metapher für unser Zusammenleben. Wenn wir uns nicht kümmern, dann werden wir zur Cthulhu-Metapher.