Der erste Satz. #Autorenwahnsinn #Tag2

Der #Autorenwahnsinn geht weiter. An #Tag2 gibt es den ersten Satz aus einem aktuellen Projekt. Ich habe noch ein paar Sätze mehr drangehängt, da ich die Geschichte gerade überarbeite. Freue mich über euer Feedback in den Kommentaren.


Bevor Konrad die Kontrolle über sein Gedächtnis verlor, hatten wir die beste Zeit unseres Lebens. Damals war der Sommer voll mit langen Tagen, die wir mit den Anderen zusammen am Strand verbrachten.

An den Abenden saßen wir im aufgeheizten Sand und redeten bis das Feuer komplett heruntergebrannt war. Irgendwann lagen wir alle in einem Kreis drumherum und schliefen der Reihe nach ein. Wir konnten den Dingen ihren Lauf lassen. Nie mehr danach fühlte sich das Leben für mich so selbstverständlich an.

An manchen Tagen lieh uns Henry sein Segelboot und wir ankerten mal hier mal dort ein paar Meilen von der Küste entfernt, so lange bis unser Trinkwasser aufgebraucht war. Wir hatten alle die Schule gerade hinter uns gebracht und waren unseren Eltern keine Rechenschaft mehr schuldig, wo wir unsere Nächte verbrachten.

Die Mädchen waren immer bei uns. Rückblickend scheint mir dieser Sommer wie ein Traum, und doch war es die Zeit, in der wir vielleicht am meisten mit uns selbst eins waren. Wenn Leben irgendetwas anderes ist, dann wollen wir das nicht, rief uns Konrad an unserem letzten Segeltag zu. Er war so weit wie möglich den Mast hinauf geklettert und suchte den Horizont ab. Vielleicht nach einer Insel, die bisher auf keinen Karten verzeichnet war. Oder nach einem Piratenschiff, das auf uns zusteuerte. Die Crew würde uns als Gleichgesinnte aufnehmen und uns auf ihre Raubzüge mitnehmen. Konrad wäre in kürzester Zeit zu ihrem Anführer geworden. Er hatte immer Ideen und Pläne. Oft redete er und wir hörten zu, die Mädchen mit großen, vom Salzwasser geröteten Augen. Die Jungs nickten und malten mit ihren Händen ihre Zukunft an den Himmel. Nachts schaukelten die Sterne über uns, als würden sie mit einem Nicken ihre Zustimmung zu allem ausdrücken was Konrad zu sagen hatte.

Am letzten Abend dieses Sommers endete das Leben wie wir es bis dahin kannten. Jemand hatte eine Flasche Tequila mitgebracht und jeder von uns nahm abwechselnd einen großen Schluck. Wir stolperten den schmalen Pfad durch die Dünen entlang. Die Mädchen hatten uns bei der Hand genommen. Konrad und Sonja klebten am meisten aneinander. Sie hatten sich Dinge zu sagen, die uns nichts angingen. Aber sie achteten immer darauf, sich nicht zu oft von der Gruppe zu entfernen. Die beiden gingen etwa hundert Meter vor uns Hand in Hand, als Konrad vor Sonja auf die Knie fiel. Wir dachten sofort an einen romantischen Heiratsantrag und machten unsere Witze darüber. Aber Konrad reckte die Arme nicht in Sonjas Richtung, sondern drückte die Hände an seine Schläfen. Sonja beugte sich zu ihm hinunter. Er kippte nach vorne in den Sand und blieb reglos liegen.

Obwohl der Krankenwagen in einem mörderischen Tempo zur Klinik fuhr, reichte die Zeit nicht, um zu verhindern, dass eine Ader in Konrads Kopf platzte. Als er Wochen später wieder aus dem Koma erwachte, erkannte er niemanden von uns, auch nicht seinen Vater, seine Geschwister und seine Tante, die ihn großgezogen hatte, seit seine Mutter vor zwanzig Jahren gestorben war. Erst im Laufe der nächsten Monate begriff er stückweise wer wir waren und erinnerte sich auch an unsere Namen. Sein Leben vor dem Schlaganfall war ein abgeschlossenes Kapitel. Sein neues Leben bestand nur noch aus Splittern von Gedanken, die er keine halbe Stunde lang festhalten konnte.

Aus „Die Sterne nicken“ von Bernhard Lermann