Category Archives: Buch-Reviews

Buch-Review: „Never Let Me Go“ von Kazuo Ishiguro

Never Let Me Go von Kazuo Ishiguro
Solche Bücher gewinnen Preise, aber nicht leicht die Herzen der Leser. Der Autor von „Was vom Tage übrig blieb“ (verfilmt mit Anthony Hopkins und Emma Thompson) hat mit „Never Let Me Go“ angeblich den wichtigsten Roman der letzten zehn Jahre geschrieben. Ohne Zweifel, die Grundidee, die man nicht verraten darf, weil sonst der Effekt weg ist, hat Charme. Aber wie es so oft ist bei Geschichten, die um einen Effekt herum gebaut sind, so wie die Filme vom M. Night Shyamalan, die Wirkungszeit kann recht kurz sein.

Weshalb oft die Auflösung erst gegen Ende kommt und man mit einer mittelmäßigen Story zu lange hingehalten wird. Nun ist Kazuo Ishiguro ein Autor, der nicht nur gute Ideen hat, sondern auch sein Handwerk beherrscht. “Never Let Me Go” ist also durchaus ein Buch dass man gerne bis zum Ende liest. Doch sicher nicht wegen seiner dystopischen Elemente, auch nicht wegen seiner Auflösung, die man schon in der Mitte des Buches von Weitem winken sieht. Aber wegen dem anrührenden Subtext. Einer, dem sich keiner entziehen vermag, der nur ein Quentchen zur Selbstreflexion fähig ist. Schaut man von außen drauf oder gehört man dazu? Und wie wichtig ist unser Standort für unsere komplette Entwicklung, für den Gang unseres Lebens?

Seine Figuren, die Ishiguro uns über das ganze Buch hinweg in unterschiedlichen Lebenabschnitten zeigt, führt er behutsam an den Rand der Klippe, von der aus man ins schäumende Leben hinabblickt, und wieder zurück in die Straßen, in kleinstädtische Gassen, in denen wir, wenn wir genau hinsehen, unsere Doppelgänger finden. Ishiguro gräbt ziemlich tief in unserer Existenz und fördert Bilder und Stimmungen ans Tageslicht, die man sich einprägt.

Buch-Review: „The Great Gatsby“ von F. Scott Fitzgerald

The Great Gatsby war der letzte Roman von F. Scott Fitzgerald, bevor der Beginn der Weltwirtschaftskrise im Jahre 1929 den Roaring Twenties ein Ende setzte. So gesehen spielt die Geschichte schon fast im Mittelalter. Der gerade gefochtene Krieg, aus dem Gatsby mit vielerleih Orden behängt, zurückkehrt, um sich auf die Suche nach einer Frau zu machen, von der er im Schützengraben liegend dachte, dass er sie liebe, wurde noch mit Bajonetten auf den Gewehren geführt. Die Dekandenz der Zeit, mit der Fitzgerald beruflich wie privat in Berührung kam, fasst er hier in schimmernden Bildern zusammen, für die wohl wenige Autoren neben ihm eine so reiche Sprache gefunden haben.

Genau wie der Soziopath James Bond, so wird auch die Figur Jay Gatsby heute in der öffentlichen Wahrnehmung auf die rauschenden Feste, den Champagner, die maßgeschneiderten Hemden und Anzüge, über die eine Frau wie seine Geliebte Daisy Tränen der Begeisterung vergießen kann, und auf die Posen reduziert. Der einsame Bachelor steht spät abends auf dem gepflegten Grün vor seinem riesigen Anwesen und schaut auf ein Licht auf der anderen Seite der Bucht, wo die Frau seiner Träume von ihrem Ehemann hinter hohen Mauern gefangen gehalten wird. Und Gatsby lockt beide an, indem er alle Lichter in seinem noch größeren Haus entzündet, was ihm neben unzähligen Motten und Flapper auch irgendwann seine Daisy über die Schwelle trägt.

Fitzgerald nimmt sich seine Generation hier richtig vor. Am Morgen der Party bleiben sie alle müde auf den Stufen vor dem Palast liegen, tränen- oder blutverschmiert. “They were careless people, … they smashed up things and creatures and then retreated back into their money or their vast carelessness or whatever it was that kept them together, and let other people clean up the mess they had made.”

Buch-Review: „Junge rettet Freund aus Teich“ von Heinz Strunk

Junge rettet Freund aus TeichJunge rettet Freund aus Teich by Heinz Strunk
My rating: 4 of 5 stars

Heinz Strunk gehört zu den Autoren, die ganz besondere Bücher schreiben. Ob es ganz besonders gute sind, sollen andere entscheiden. Wer durchgängig in einem Roman „als Einzigster“ schreiben darf, der hat von seinem Verlag einen gewissen Grad an literarischer Narrenfreiheit erkaufen können. Schon bereits das ist harte Arbeit, vielleicht noch härter als das Schreiben selbst.

Bevor Heinz Strunk auftauchte, gab es das Kind, den Jugendlichen und den jungen Erwachsenen Mathias Halfpape. In diesem Buch reisen wir mit ihm zurück in seine Kindheit zwischen 1966 und 1974. Dass die Geschichte biografisch eingefärbt ist, ist nach allem, was wir bereits über den Mathias kennen, der später in Tanzbands spielen wird („Fleisch ist mein Gemüse“), nicht von der Hand zu weisen. Ist das Aufwachsen in dieser Zeit schon schräg genug, mit der Hörzu als Meinungsbildner in den deutschen Haushalten und mit einer rauhen norddeutschen Dorfjugend als Peer-Group, zwischen Großeltern und Großtanten, die ihre Kriegserlebnisse als Depressionen an ihre Kinder weitergeben, so schafft es Heinz Strunk dazu noch, seinen Mathias in der Sprache der jeweiligen Altersphase reden zu lassen. Mit allem was dazu gehört.

So ein formales Experiment funktioniert nur, wenn man es als Autor geschafft hat, seine jugendliche Stimme im Kopf zu bewahren und zu pflegen und nicht irgendwann dazu übergeht, ausschließlich das Sprüchewerk der Erwachsenenwelt als Konversationsleitfaden zu benutzen, um die sicheren Lacher auf seiner Seite zu haben. Heinz Strunk ist ja schon immer genau das gewesen: ein Sprachforscher und einer, der daraus ein Fest macht, vielleicht in der Tradition von Loriot. Und da er das mittlerweile so gut drauf hat, wagt er sich in diesem Buch an die zarten Bande zwischen dem Kind und seiner engsten Umgebung Schulhof, Ferien, zu Hause, Edekaladen und der Familie, den Freunden und Freundinnen, die darin aus der Sicht des Heranwachsenden alles übergroß ausfüllen.

Alle meine Reviews bei Goodreads
„Junge rettet Freund aus Teich“ jetzt bei amazon.de kaufen

Buch-Review: „Der amerikanische Architekt“ von Amy Waldman

Der amerikanische ArchitektDer amerikanische Architekt by Amy Waldman

My rating: 2 of 5 stars

Was passiert, wenn ein Architekt aus einer muslimischen Einwandererfamilie ausgelost wird, um die Gedenkstätte für die Opfer des 11. Septembers in New York zu errichten? Zuerst einmal klingt das wie eine Aufgabe aus einem Kurs für kreatives Schreiben. Doch auch zu diesem Thema gibt es ein Buch, über das viel geschrieben wurde. Vielleicht öfter als gelesen.

Der amerikanische Architekt“ gehört zu den Romanen, die Szenen aneinanderreihen, die alle wie schon mal durchgekaut schmecken. Wenn die fast stumme Witwe und trotzdem Sprecherin der Opfer sich mit dem karrieregetriebenen Architekt trifft, um zu besprechen, was man tun kann, um so wenig wie möglich anzurichten. Wenn der arbeitslose Bruder eines in den Türmen umgekommenen Lieblingssohnes seiner Eltern wieder nach Hause ziehen muss, dort aber konsequent von Mama und Papa ignoriert wird, dann liest sich das nicht wie eine gute Geschichte, sondern wie ein steifes Skript, das versucht, eine Geschichte zu sein, die ein zu großes reales Vorbild hat.

„The Submission“ heißt das Buch im Original. So wie „Soumission“ von Michel Houellebecq, das hier unter seinem richtig übersetzten Titel veröffentlicht werden konnte. Islam heißt auf deutsch „Unterwerfung“. Beide Bücher stehen für ein neugieriges Umkreisen um diese uns noch immer fremde Weltauffassung. Houellebecq wie gewohnt mit heruntergelassenen Hosen. Amy Waldman dagegen rücksichtsvoll, mit an allen Ecken befestigten Sicherungsgurten für allerlei Gemüter. Amerikanische Autoren mögen es sonst zupackender.

Alle Reviews bei Goodreads
„Der amerikanische Architekt“ jetzt bei amazon.de kaufen

Buch-Review: „The Martian“ von Andy Weir

The MartianThe Martian by Andy Weir

My rating: 5 of 5 stars

Die ersten zirka hundert Seiten kamen mir vor wie ein gut geschriebenes Botaniker-Blog, womit ich allerdings nicht viel anfangen konnte. Aber als erfahrener Leser weiß man, dass man auch mal durchhalten muss, genau wie Mark Watney selbst, der ja einen ziemlich aussichtslosen Kampf führt. Wie erleichtert war ich, als die Geschichte zur Erde geschwenkt ist, um die Handlung dort aufzunehmen.

Bret Easton Ellis hat zurecht kritisiert, dass Mark eigentlich kein Leben hat. Keine Freundin, keine Geschichte, keine Sehnsüchte, nur seine Eltern, die zusammen um ihn auf der Erde bangen. Wobei man sagen muss, Ellis hat mit Patrick Bateman selbst eine Figur erfunden, die noch viel weniger von sich preisgibt.

The Martian“ ist ein Buch, das gut in unsere Zeit passt. Ein Wissenschafts-Fanbook für ein großes Publikum. Das war überfällig, finde ich. Ein Selfpublisher-Märchen dazu. Und auch noch ein wahres. Andy Weir kann zurecht seinen Erfolg genießen, der Kinofilm ist ebenfalls ziemlich gelungen. Die hochunterhaltsame Vorlage hat dabei geholfen.

Meine Reviews bei Goodreads.com
„The Martian“ jetzt bei amazon kaufen.

Buch-Review: „Finderlohn“ von Stephen King

Finderlohn (Bill Hodges Trilogy, #2)Finderlohn by Stephen King

My rating: 3 von 5 stars

Im Rahmen meiner Reading Challenge habe ich in diesem Jahr ganze sieben Bücher von Stephen King gelesen. Auch weil ich ihn vor über zwanzig Jahren aus den Augen verloren habe. „Finderlohn“ war darunter nicht das beste, aber sehr kurzweilig zu lesen, andere würden es „spannend“ nennen. Aber das trifft es für mich nicht ganz. So richtig überraschen konnte mich King hier nicht.

Die Story nimmt schnell ordentlich an Fahrt auf, so dass es schon aus physikalischen Gründen fast unmöglich ist, auszusteigen. Das sind die Sachen, die King einfach drauf hat. Dazu treten in seinen Geschichten immer Typen auf, bei deren Untergang man einfach von Anfang bis Ende Zeuge sein möchte.

Etwas fad an „Finderlohn“ genau wie bereits bei „Mr. Mercedes“ ist das Ermittlerteam. Jedes Wort, das King ihnen in den Mund legt, hört sich an wie aus einer Vorabendserie aus den 80ern. Irgendwann hatte ich sogar eine Synchronstimme aus den Drei-Fragezeichen-Hörspielen im Kopf. Das entsprach nicht ganz dem was ich erwartete hatte, aber unangenehm war es nicht.

Am Ende von „Finderlohn“ kriegt King noch rechtzeitig die Ausfahrt in Richtung Horrorland. Dort wird dann hoffentlich der letzte Teil der Bill Hodges-Trilogie spielen.

„Finderlohn“ jetzt bei amazon kaufen.
Meine Reviews auf Goodreads

Schule des Rausches

Buchrezension zu “Neues von der anderen Seite – Die Wiederentdeckung des Psychedelischen”

Seit Jahrzehnten reden sich die Leute den Mund fusselig über die Legalisierung von Cannabis. Es gibt gute Argumente auf beiden Seiten. So weiß man noch nicht genau, was aus einer so leistungsorientierten Gesellschaft wie der unseren wird, die sich legal nur das kulturell verordnete Glas zum Feierabend gönnt und am Wochenende auch gerne mal den Vollrausch genießt und bereut. Doch die geschätzte Anzahl der Kiffer bleibt hierzulande schon über Jahre hinweg auf einem konstant hohen Level. Was viel darüber aussagt, was Gesetze bewirken können und was nicht, uns aber auch etwas über die Lust am Rausch verrät, die sich in den Köpfen schon längst nach einem Recht darauf anfühlt.

Was macht die Droge mit uns? Auch das, eine launische Angelegenheit. Es ist kein Verlass auf die Qualität des Rausches. Und einfordern kann man sie nicht, die Qualität. Auch Alkohol wirkt bei jedem anders. Noch ungewisser wird es bei den psychedelischen Drogen. Hierzu tummelt sich nicht nur gefährliches Halbwissen in der öffentlichen Wahrnehmung (im Falle von MDMA ist man jahrelang von einer viel schädlicheren Wirkung ausgegangen, nur weil die amerikanische DEA den falschen Stoff als Grundlage für die Untersuchungen hernahm). Der Mann, der sich auf LSD aus dem Fenster stürzt, er gehört zur großstädtischen Berichterstattung im Boulevardblatt wie die Wiesn-Schlägerei in der S-Bahn.

Jetzt gibt es zum Glück das sehr informative und dichte Buch “Neues von der anderen Seite” der beiden Autoren Paul-Philipp Hanske und Benedikt Sarreiter, das im ehrenwerten Suhrkamp-Verlag erschienen ist und deshalb auch abseits von Hanfmessen hoffentlich Leser finden wird. Der Untertitel “Die Wiederentdeckung des Psychedelischen” und der formen- und farbenschwelgerische Buchumschlag versprechen ein Abenteuer, die Vorfreude bringt ein Prickeln unter die Haut, ganz so wie das Gefühl, wenn man weiß, dass man gleich als Nächster ziehen darf.

Continue reading

Gelesen: „Casino Royale“ von Ian Fleming

Wenn man bedenkt, wie viele Häutungen die Figur James Bond hinter sich hat. Ich meine, die Filmfigur, denn das ist der Bond von dem man redet, wenn man von James Bond redet. Wer war der beste Darsteller, das tollste Bond-Girl, die beste Verfilmung? Wobei man von „Verfilmung“ meistens gar nicht spricht. Für viele ist der Agent eine autarke Kinofigur. Nicht jeder weiß, dass es eine Romanfigur James Bond gibt. Und wenn dann bekommen die Romane von Ian Fleming meistens das Etikett „Die sollen auch ganz gut sein.“

Continue reading

Der irre Hausmeister

Oder: Warum ich hier nichts über Stephen Kings “Revival” verrate …

Manchmal ist das Internet eben nur der nervige Kollege, der bereits die vier geleakten Game of Thrones-Folgen gesehen hat und mit der Tasse Kaffee in der Hand beim morgendlichen Plausch vielsagende Andeutungen macht, weil er weiß, wer aus dem Cast als nächstes den Kopf verlieren wird. Natürlich hat der Kollege Spoilerverbot, aber begegnest Du ihm auf dem Flur, müsste er Dir nur einen Namen im Vorbeigehen zuflüstern und der Serienspass wäre für Dich erst einmal gelaufen.

Continue reading

Plötzlich Eloi

Buchkritik zu „The Time Machine“ von H.G.Wells

“Die Zeitmaschine” (1960) fehlte zuletzt auf meiner Liste der 15 Filmklassiker, die man mit seinen Kindern anschauen sollte. Doch da die Verfilmung des Romans von H. G. Wellls mit Rod Taylor (im letzten Monat verstorben) in der Hauptrolle alle Nase lang in den Öffentlich-rechtlichen läuft, konnten wir das zuletzt an einem Sonntagnachmittag nachholen. Dabei fiel mir auf, wie wenige Szenen ich noch abgespeichert hatte. Es muss sehr lange zurückliegen, dass ich den Film das letzte Mal gesehen habe, möglicherweise 30 Jahre. Nur an die letzte Verfilmung von 2002 hatte ich noch weniger Erinnerung. Und das ist auch ganz gut so. Jeremy Irons als Ober-Morlock? Nicht für mich. 

Im Rahmen meiner Reading Challenge 2015 habe ich mir gleich nach dem Wiedersehen mit den Eloi und den Morlocks die Romanvorlage vorgenommen. “The Time Machine” gibt es als preiswertes e-Book auf englisch< . H. G. Wells hat die Erzählung 1895 veröffentlicht, also um die gleiche Zeit, in der Sir Arthur Conan Doyle mit seinen Sherlock Holmes-Geschichten bekannt wurde. Selbst mit einem Schulenglisch kann man sich an beide Schriftsteller wagen. Wells tendiert zu etwas steifen Beschreibungen, Doyle löst Vieles eleganter, fast wie im Vorbeigehen. Der eine pflegt einen irgendwie fiebrigen Stil, der andere schreibt eher gentlemanlike und sprachlich ausgefeilter. Und beide bedienen Genres, die zu deren Zeit noch in den Kinderschuhen steckten. Doyle haucht den Detektivgeschichten neues Leben ein, Wells erfindet die Science Fiction nach Jules Verne neu. 

Continue reading