Category Archives: Politik

Lehrer werden aus den sozialen Netzwerken vertrieben. Das können wir uns nicht leisten.

Lehrer dürfen über Facebook keinen dienstlichen Kontakt mehr mit ihren Schülern haben. Eine Umfrage der Nachrichtenagentur DPA ergab: Manche Bundesländer untersagen inzwischen die Lehrer-Schüler-Kommunikation auf Facebook für alle schulischen Belange. Ein schulisches Verbot von Facebook-Freundschaften zwischen Pädagogen und Schülern, wie es jetzt Rheinland-Pfalz beschlossen hat, wollen andere Bundesländer aber nicht.

Privat ja, dienstlich nein. So einfach stellen sich die Landesregierungen die Wirklichkeit vor. Als Hauptargument dagegen dient das Geschäftsmodell von Facebook  – die Auswertung persönlicher Daten für kommerzielle Zwecke – , das „mit dem Erziehungs- und Bildungsauftrag der Schule, nicht zu vereinbaren ist.“

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„… jetzt mal mit der Sprache rausrücken“

Das TV-Duell der Kanzlerkandidaten wurde ja gestern in aller Form von jeder Zeitung und jedem Online-Dienst bereits komplett abgefrühstückt. Das ist gut so, denn auf diese Weise gerät es in den nächsten Tagen in Vergessenheit. Wichtig war den meisten Kommentatoren auch nur, dass Steinbrück gar nicht mal so schlecht ausgesehen hat, was ihn irgendwie gleich zum Gewinner macht. Die anderen freuten sich über die Deutschland-Kette. Geschenkt. In den letzten Monaten hat sich Frau Merkel kein einziges Mal aus der Fassung bringen lassen, als es hieß, sie habe ihre Pflichten verletzt und es zugelassen, dass wir ausspioniert werden. Das hat sie ausgesessen. Und den CDU-Umfragewerten hat es nichts gemacht. Als es dann beim TV-Duell um NSA und Datenschutz ging, habe ich genau hingehört, denn das lohnt sich bei Frau Merkel eigentlich immer. Manche Dinge meint sie tatsächlich so wie sie sie sagt, auch wenn es klingt, als wolle sie sich wieder aus irgendwas rauswinden.

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Darwin is a Headbanger. Metal Evolution – The Lost Episode

Sie können’s also noch. Der Bildungsauftrag der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten wird zwar mittlerweile auf Spartenkanälen erfüllt, aber immerhin. Seit einigen Wochen verfolge ich die Doku-Reihe „Metal Evolution„, die im November 2012 zu ersten mal und seit dem immer wieder mal auf ZDFKultur läuft. Entwickelt vom kanadischen Anthropologen, Metalhead und Filmemacher Sam Dunn, von dem auch die hervorragende Dokumentation „Metal: A Headbanger’s Journey“ von 2005 ist, finanziert von VH1, klärt die Serie über die Entstehung und Entwicklung von Heavy Metal anhand der einzelnen Spielarten auf: Early Metal, Shock Rock, New Wave of British Heavy Metal, Glam Metal, Thrash Metal, Grunge, Nu Metal, Power Metal, Progressive Metal, you name it. Die zwölfte und für mich interessanteste Episode über Extreme Metal (Death Metal, Grindcore, Black Metal) wollte VH1 damals jedoch nicht mehr finanzieren. Aber Heavy Metal Fans sind von Natur aus treu und großherzig und Dunn konnte genug Geld über Crowdfunding stemmen, um auch diese letzte Folge in Angriff zu nehmen. Im Blog seiner Firma Headbanger Films dokumentiert er den Fortschritt der Produktion. 

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Der vantilatör ist hier kein aksesuar

Fremdsprachen sind uns selten komplett fremd, erst recht nicht in Europa. Die Türkei ist dabei so etwas wie ein sprachliches „Übergangsland“ zu Arabien und Asien. Wer hier im Urlaub aufmerksam die Schilder liest, der freut sich über Wörter wie „otel“, „pansiyon“, „frisör“ oder „butik“. Und wer noch ein paar mehr französische Vokabeln beherrscht, dem ist auch das „motosiklet“ vertraut, genauso wie der „papyon“ oder die „şezlong“. Alles offiziell türkische Wörter, die schon lange ihren festen Platz im „Büyük Türkçe Sözlük“ (Großes Türkisches Wörterbuch) haben, zusammen mit zirka 4970 weiteren Begriffen französischen Ursprungs.

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Yahoo fordert gerichtlich mehr Transparenz, Google sollte folgen

Der NSA-Skandal lässt die Branchenplatzhirsche zittern. Google, Facebook, Apple, Microsoft und ihre Mitbewerber stehen nach den Enthüllungen Edward Snowdens als Werkzeuge staatlicher Überwachung da, die dem US-Geheimdienst weitreichenden Zugriff auf ihre Nutzerdaten erlauben.

Doch gestern wurde bekannt, dass Yahoo vor einem US-Gericht erreicht hat, dass bestimmte Teile eines Vorgangs aus dem Jahr 2008 offengelegt werden müssen, bei dem Yahoo angewiesen worden war, im Rahmen von „Prism“ Kundendaten herauszugeben. Yahoo möchte damit erreichen, dass öffentlich wird, unter welchem Druck sie mit der NSA kooperieren mussten. Sie betonen, dass sie „immer wieder zur Datenfreigabe gezwungen wurden“.

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„Selbst dran schuld“ ist keine Position

Die 19-jährige Femen-Aktivistin Josephine Witt wurde nach einem Oben-ohne-Protest in Tunis Ende Mai verhaftet und zusammen mit zwei französischen Mitstreiterinnen zu einer Haftstrafe von vier Monaten verurteilt. Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Markus Löning berichtete nach einem Besuch im Gefängnis SPIEGEL ONLINE über die Haftbedingungen. Josephine Witt teilt sich demnach mit 29 anderen Frauen eine Zelle.

Das ist mehr oder weniger das, was man als Spon-Leser heute Vormittag zum Frühstück aufgetischt bekommt, und damit man auch seinen Spaß dran hat läuft das Ganze unter der Überschrift „Damit hat sie nicht gerechnet“. Journalisten und Verleger wissen um die Schwächen der Deutschen und wann die Leser sich nicht zurück halten können mit Kommentaren zum Thema. Neben Benzinpreiserhöhungen gehören dazu natürlich Fußballergebnisse und als dritte Sportart: Häme. Und wenn wir auch sonst so friedlich geworden sind in den letzten 60 Jahren, so lassen wir uns zwei Harte Sprüche nicht nehmen: „Stell Dich nicht so an“ und „Selbst dran schuld“.

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Politik für Desinteressierte. Jung & Naiv befragt Markus Beckedahl zu Netzneutralität und Datendrosselung

Tilo Jung fragt nach wie das sonst nur die Sendung mit der Maus kann. Nur ist sein Publikum schon fast erwachsen und möchte zwischen Facebook-Statusmeldung und Whatsapp auch noch verstehen, wie Politik und Wirtschaft heute tickt. Zuletzt durfte Markus Beckedahl von Netzpolitik.org erklären, was Netzneutralität genau bedeutet und was es mit der Telekom-Datendrosselung auf sich hat:

Weitere Gespräche – immer „ungeschnitten, unbearbeitet und uninformiert“ – gibt es bereits zu den Themen Bankenrettung, Syrien, Eurobonds und Chemische Waffen. Sollte man seinen großen Kindern unbedingt ins Postfach legen.

Ziviler Ungehorsam kann als Haltung geschätzt werden, auch von Journalisten #guardian #wikileaks #operationpayback

Man kann tatsächlich für eine angesehene Zeitung arbeiten und trotzdem etwas Positives an Wikileaks und Operation Payback finden – und das auch schreiben! So geschehen im heutigen Editorial bei The Guardian. Hier der Satz, der mir dort besonders gefiel: 

The hacktivists of Anonymous may be accused of many things – such as immaturity or being run by a herd instinct. But theirs is the cyber equivalent of non-violent action or civil disobedience. It disrupts rather than damages.

Disobedience. Ziviler Ungehorsam. Das ist eine Haltung, die in England eine lange Kultur hat, deshalb sind die Blicke darauf geschärft, deshalb machen die Studentenkrawalle auch vor der Limousine von Prinz Charles nicht halt. Und deshalb wird von einer Zeitung dort auch erwartet, dass sie einen Protest oder eine Sache wie Wikileaks nicht als Idiotentum abtut, sondern ggf. auch mal wertschätzt. Die Kommentare unter dem Guardian-Editorial bestätigen das. Welt Online dagegen erspart sich und ihren Journalisten die Leser-Kommentare und macht dicht, wenn es ihnen zu bunt wird:

Wikipedia-malzahn

(Mittlerweile sind die Kommentare wieder online, wenn auch nicht alle wie es aussieht.)

Die Wochenendausgaben unserer geschätzten Tageszeitungen laufen gerade rund in den Druckereien. Bin gespannt, welcher Qualitätsjournalist mich morgen früh vom Unsinn des zivilen Ungehorsams überzeugen möchte.

Hier gibt es mehr darüber und über den Guardian-Artikel:

Malzahns Melange

Herr Malzahn will es noch mal wissen

Jeff Jarvis: Me & media on Wikileaks