Category Archives: Unterwegs

Maria, ihm fehlt ein Arm!

Ich bin in Bingen am Rhein geboren. Das ist eine Kleinstadt etwas westlich von Mainz. Mainz ist wiederum westlich von Frankfurt am Main. Alle, die sich jetzt immer noch nicht zurechtfinden, sollten vielleicht einfach mal hinfahren. Frankfurt ist eindeutig gemütlicher und gastfreundlicher als sein Ruf, Mainz geht auf eine alte Römersiedlung zurück und hat mit dem Open Ohr seit 1975 ein feines Festival für Kunst und Musik. Im gegenüberliegenden Wiesbaden hat Dostojewski damals seine Verlagsvorschüsse im Kasino verspielt, und die Gegend links und rechts des Rheins stromabwärts wird von Mary Shelley in Frankenstein wie folgt beschrieben:

Eben noch erblickt man rauhe Felsen und verfallene Burgen, die über ungeheuren Abgründen hängen und unter denen der dunkle Strom dahinschießt; doch nach einer scharfen Krümmung liegen hinter dem Vorgebirge plötzlich üppige Weingärten, grüne Hänge, ein sich mäandrisch windender Fluß und belebte Städte vor einem.

Fast genau so sieht es dort heute noch aus, wenn man von den Hochleitungen der Bahnstrecken und den Campingplätzen am Ufer absieht. Die mittelalterlichen Burgen sind immer noch die Schmuckstücke des Rheins und für Familienausflüge seit Generationen die erste Wahl.

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Vorfreude schlägt Vorsätze. Ein Jahreswechsel mit zwei Radtouren auf den Kanaren.

Gute Vorsätze haben heute nur noch den Ruf, dass man sie bei nächster Gelegenheit in den Wind schlägt. Man kann seine Gewohnheiten auch an jedem anderen Tag im Jahr ändern. Aber zugegeben, das Datum hilft. So zum Beispiel, wenn man zum Jahreswechsel verreist ist. Und dazu noch mit Freunden, die einen überzeugend aus der Komfortzone locken können. So geschehen bei mir vor genau einem Jahr, als mein Freund und Nachbar Christoph mich während einer gemeinsamen Kreuzfahrt zusammen mit unseren Familien entlang der Kanaren und Madeira zu einer „Aktiv-Bike-Tour“ überredete.
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Nicht Sommer, nicht Winter. Viel Platz an den schönen Plätzen

Der Herbst ist eine tolle Jahreszeit. Genauso wie im Frühling geht hier das Eine in das Andere über und zeigt uns wunderbare Gegensätze. Was die Natur so selbstverständlich alle paar Monate aufs Neue zustande bringt, der Tourismus in den Alpen spiegelt das nicht wider. Und das ist sehr gut so.

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Der vantilatör ist hier kein aksesuar

Fremdsprachen sind uns selten komplett fremd, erst recht nicht in Europa. Die Türkei ist dabei so etwas wie ein sprachliches „Übergangsland“ zu Arabien und Asien. Wer hier im Urlaub aufmerksam die Schilder liest, der freut sich über Wörter wie „otel“, „pansiyon“, „frisör“ oder „butik“. Und wer noch ein paar mehr französische Vokabeln beherrscht, dem ist auch das „motosiklet“ vertraut, genauso wie der „papyon“ oder die „şezlong“. Alles offiziell türkische Wörter, die schon lange ihren festen Platz im „Büyük Türkçe Sözlük“ (Großes Türkisches Wörterbuch) haben, zusammen mit zirka 4970 weiteren Begriffen französischen Ursprungs.

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Zwei Taxifahrten durch drei Länder

In einer Welt in der man von einer Ecke Europas in die andere von Türe zu Türe nicht mal fünf Stunden braucht, können trotzdem Welten zwischen den beiden Taxifahrten liegen, die einen zum Flughafen und vom Flughafen ans Ziel bringen – und dazwischen noch weitere, die einen an einen ganz anderen Ort führen wollen.

Am griechischen Urlaubsort zum Beispiel ist Taxifahren noch ein Abenteuer (oder ein Grauen für viele deutsche Autofahrer). Zum Glück hat der Fahrer Plaketten von JC und „Agios Stephanos“ auf die Mittelkonsole geklebt, aber da wir mit der ganzen Familie im Auto sitzen, gebe ich ihm ein Zeichen, dass wir es nicht eilig haben. Was ihn dazu veranlasst einen kurzen Abstecher zu machen und eine Frau, die einer Ecke steht, durch mein Fenster hindurch anzuschreien. „My wife.“ – „Ahhh, understand.“ – „Full STRESS!“ Und mit Vollgas geht es weiter ins Verkehrschaos der Hauptstadt. Hier kommt er nur schneller voran als andere Autofahrer, weil er gegen Einbahnstraßen und ohne Zögern über kreuzende dreispurige Straßen fährt, wo der Verkehr ohne großes Hupen nur für uns hält. Alle zehn Sekunden wird ein anderer Verkehrsteilnehmer – ob zu Fuß, auf dem Moped oder im Auto – von unserem Fahrer gegrüßt. „You have many friends.“ – „He’s a taxidriver.“

Am Flughafen München verstaut in junger, schlaksiger, ruhiger Mann aus Nordiniden unser Gepäck im Kofferraum und fährt uns ohne Rückfragen und Vollbremsungen über die großspurige, deutsche Autobahnader. Er fährt erst seit einem Monat Taxi, aber man fühlt sich gut aufgehoben bei ihm. In Indien würde auch diese Fahrt anders aussehen. Wie genau weiß ich nicht, war noch nie dort. Aber ich bekomme Lust darauf. Bombay oder Neu-Dehli sind ein guter Anfang, wenn man vorher noch nie in Indien war, meint er. Man teilt sich die Straße mit mageren Kühen, Tuk Tuks und Tatas. Und es gibt nur eine Verkehrsregel: man fährt links. Ganz so schlimm wird’s schon nicht sein, man kommt schon irgendwie an, auch dort gibt es Heilige und Götter.