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Ausgelesen: „Unterleuten“ von Juli Zeh

Seit 16 Jahren steht das Blaue Sofa abwechselnd auf der Frankfurter und auf der Leipziger Buchmesse. Darauf fanden bereits über 2.300 Autorengespräche statt, u.a. mit vielen Nobelpreisträgern und im Frühjahr 2016 in Leipzig mit Juli Zeh, die zu dieser Zeit gerade ihr bisher dicksten Buch herausgebracht hatte, das ich aber erst ein paar Monate später lesen sollte. Jetzt habe ich es schon lange durch und bereits weitergeschenkt. Nicht weil es mir nicht gefallen hat, sondern weil es nicht untätig und nur zum Angeben in meinem Bücherregal stehen soll.

Juli Zeh saß also auf dem Blauen Sofa in Leipzig, die Moderatorin hatte sich wie immer gut vorbereitet, zumindest schien sie das Buch oder Ausschnitte daraus gelesen zu haben. Irgendwann kam der Satz, den sie sich nicht verkneifen konnte: „Sie haben mit ihrem neuen Buch einen Pageturner geschrieben.“ Mir schien als ob Juli die dunkelhaarige Dame kurz aus den Augenwinkeln taxierte. Dann setzte sie ihr rotgeschminktes Lächeln auf und bekannte sich offen schuldig. Ja, sie hatte schon immer mal einen Pageturner schreiben wollen. Amüsiertes Lächeln der Moderatorin. Juli hat längst die Faxen dicke und würde jetzt gerne eine rauchen, dachte ich mir. Aber was soll’s? Öffentliche Demütigung gehört zum Verkaufsgespräch im Showbusiness.

Juli Zeh auf dem Blauen Sofa auf der Leipziger Buchmesse

„Stimmt es, dass Sie mit Ihrem neuen Buch einen Pageturner geschrieben haben?“

„Pageturner“ ist ein Begriff aus der modernen amerikanischen Literatur, mit dem man ein Buch bezeichnet, das den Leser fesselt, ein spannendes Buch also. Der Begriff wird  hierzulande aber auch gerne mal als Vorwurf gebraucht. Spannung ist schließlich was für Spanner. Wenn die digitale Disruption, die derzeit die Verlagshäuser so in Atem hält, auch nur mal ein Stückchen dieses Hochmuts, der schon so lange so fest zum deutschen Literaturbetrieb gehört wie der Sack zum Nikolaus, zu fassen bekäme und ihn in seiner von künstlicher Intelligenz gesteuerten Eisenfaust mal leicht anquetscht, dann wäre es vielleicht möglich, dass Schriftsteller wie Juli Zeh, die (wieder mal) ein “spannendes” Buch geschrieben haben, deshalb nicht gleich in der nächsten Talkshow oder auf einem Sofa welcher Farbe auch immer ins Kreuzverhör genommen werden.

Bücher, die außergewöhnliche Geschichten erzählen, die man mit Freude liest und bei denen man nicht merkt wie die Zeit vergeht, genau die suche ich ständig. Ich meine Bücher, die auch mal ohne einen jonglierenden Ermittler mit dunkler Vergangenheit auskommen, auf den zu Hause nur die Wodkaflasche und die geladene Pistole in der Nachttischschublade  wartet. Also solche Bücher, wie Juli Zeh sie schon seit Jahren schreibt.

Zugegeben, nicht alle waren Pageturner. Aber „Unterleuten“, das ist ein Roman, wie ich ihn mir wünsche. Mit gereiftem erzählerischen Können hält sie ihr Schriftsteller-Brennglas über ein fiktives Dorf in Brandenburg. Sie bringt hier Feuer zum qualmen, mit denen frisch Zugezogene vergrault werden sollen, hier blockiert man die Zufahrt für den Scheißewagen, damit der Nachbar noch eine Woche länger den Gestank der Jauchegrube in der Wohnung stehen hat, hier werden alte Rechnungen so lange aufgeschoben bis es kracht.

Nach ein paar hundert Seiten wissen wir wo jedes Haus steht. Wir brauchen nicht zu kombinieren oder zu erraten, wer der Mörder ist. Fast jeder in Unterleuten würde für irgendetwas töten, sei es für den Vogelschutz, für den Windpark, für das Spiele-App-Start-up, für die eigene Pferdekoppel oder für das Vergessen ihrer Verbrechen.

Die Kapitel tragen jeweils die Nachnamen der Protagonisten, neben denen wir dann immer eine Weile herlaufen dürfen. Wir stehen in renovierten Hausfluren, in Küchen, in deren Wänden das Bratfett von fünfzig Jahren steckt, wir stehen in großzügigen wilden Gärten und schauen auf das flache Brandenburg, auf das bald die Windräder lange Schatten werfen sollen. Wir stehen im lauten Wirtshaus, wo die 250 Einwohner sich treffen und beraten, aber sich dann doch beschimpfen und aneinanergeraten. Wir sitzen auf dem Beifahrersitz des stinkreichen Spekulanten, der die sanft geschwungende Landschaft nur durch die niedrige Windschutzscheibe seines Roadsters wie durch einen Burkaschlitz betrachten kann, das große Bild kriegt er nicht mit, das kennen nur wir Leser.

Nach 640 Seiten sind wir genau im Bilde und dann leider auch schon wieder raus aus Unterleuten. Zu schnell geblättert, du haltloser Mensch.

Juli Zeh: „Unterleuten: Roman
Roman.
Luchterhand, 640 Seiten