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Ausgelesen: „Der Ozean am Ende der Straße“ von Neil Gaiman

Ein Märchen für Erwachsene, so heißt es immer dann, wenn am Anfang der Geschichte ein Mensch jenseits der Vierzig mitten in einer Krise zu den Schauplätzen seiner Kindheit zurückkehrt und darin die Magie entdeckt, die ihn die ganzen Jahre hindurch unbemerkt angetrieben hat, was er aber erst am Ende der Geschichte so richtig kapiert.

Wie so oft ist es auch bei diesem Buch schade, dass wegen seines phantastischen Themas wahrscheinlich nur einen kleinen Kreis jenseits der Fantasy-Genrepublikums erreichen wird. Phantastische Literatur unterliegt ja immer erst mal dem Verdacht, kindischer Nonsens zu sein. Damit die Tante mit dem Zeit-Abo dieses Buch für ihre Nichte kauft, sollte wenn möglich ein Zitat von Daniel Kehlmann auf dem Schutzumschlag stehen. Sowas wie „Ein poetisches Juwel, wie man es nicht oft zu lesen bekommt.“ (Übrigens ein für Daniel Kehlmann ziemlich gruseliger Satz, ich bezweifle, dass er den Spruch seinem Verlag bei vollem Bewusstsein freigegeben hat.)

Aber Gaiman hat so eine Kumpanei nicht nötig, denn er schöpft sprachlich aus einem ansehnlichen Fundus. Innerhalb der phantastischen Literatur gehört er zu den Ausnahmen und zurecht zu den erfolgreichen Autoren. Die Geschichte dreht sich um die Erlebnisse des siebenjährigen namenlosen Ich-Erzählers, der vor der Kulisse des ländlichen Sussex in seiner Nachbarschaft ein selbstbewusstes elfjähriges Mädchen kennenlernt, das ihn auf einer kurze und intensive Reise in eine Parallelwelt mitnimmt, von der er er als ein Anderer zurückkehrt. Und damit beginnt es erst.

Gaiman zeigt uns in seiner lockeren, einfallsreichen Sprache, wie die englischen Schriftsteller sie oft so gut beherrschen, einerseits den universellen Schrecken, der sich bis ins anatomische Detail seines kleinen Helden ausbreitet. Fast noch besser aber sind seine Beschreibungen von opulenten Frühstücksorgien mit Pfannkuchen, Haferbrei mit warmer Soße, Fruchtsäften aus eigener Herstellung und schwarzen Tee, wie man ihn in England heute nicht mehr bekommt. Diese Stellen im Buch machen umgehend Appetit. Hier kann Gaiman einer Enid Blyton locker das Wasser reichen. Mindestens jedoch kann man sich hier als Schriftsteller auch mal abschauen, wie man es richtig macht. Kinder müssen essen. Auch Kinder in Büchern.

Gaiman ist ein grundehrlicher Autor, der sich seiner Schwächen bewusst ist. Es gibt Schlußfolgerungen in den Köpfen der Figuren, die mir nicht ganz einleuchten oder auch mal zu holprig sind. Halb so schlimm. Stephen King ist darin der größte Wiederholungstäter.

Dahinter steht jedoch die ungezügelte Phantasie eines Schriftstellers, der einfach nicht anders kann als jetzt eben genau diese Geschichte zu erzählen. Und davon haben wir ja auch etwas.

Neil Gaiman berühmtes Buch heißt “American Gods”. In dieser Taschenbuchausgabe findet man am Ende eine bisher unveröffentlichte Kurzgeschichte, die eine Art kleines Sequel dazu bildet.

Der Ozean am Ende der Straße: Roman
von Neil Gaiman
Bastei Lübbe, 2016
320 Seiten