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Ausgelesen: „Worauf du dich verlassen kannst“ von Kate Tempest

Mit ihrem Romandebüt zeigt die preisgekrönte Rapperin Kate Tempest, dass sie auch die Langform der Dichtkunst beherrscht. Dabei macht sie Vieles anders als ihre Literaten-Kollegen. Ihre Sprache führt den Leser extrem nah an die Personen heran, fast jeder Satz ist ein Close-up gefolgt von einem nervösen Schwenk zum nächsten Charakter. Beinahe wie in einem Augmented Reality-Spiel legt Tempest ganz oft eine zweite optische Ebene über die Bilder, auf der sie sich mit Freude austobt:

„Die Frau leuchtet so grell in Harrys Augen. Sie explodiert aus sich selbst heraus wie ein Feuerball. Heller und heller. Ihre Konturen sind elektrisch und ungestüm, sie schlagen in die Party ein wie Blitze, sie spalten und versengen sie und funkeln wie Sonnenlicht, das sich im Wasser spiegelt und zu Hitze wird.“

Viele Kapitel beginnen mit einem mikroskopischen Blick auf das Körperliche, auf die starken Gefühle, die wie Schweiß aus den Poren triefen. Zwischendurch zoomt sie immer wieder heraus auf das fiebrige Leben in den Straßen und Cafés im Südosten Londons, wo Tempest geboren und aufgewachsen ist.

Viele der Charaktere begleiten Sie schon eine Weile, manche tauchen bereits auf ihrem Album „Everybody Down“ (2014) auf. Man merkt, wie sehr sie an den Menschen und an ihrer Hood hängt, sie lässt es nicht zu, alle Hoffnung fahren zu lassen, nicht von ihr, nicht von uns.

Ihre vitale Energie wird leider durch die deutsche Übersetzung in Portionen aufgeteilt, denen es oft an Geschmack fehlt. Schon den ursprünglichen Titel des Romans “The Bricks that Built the Houses” mit dem Larifari-Satz “Worauf du dich verlassen kannst” zu übersetzen, macht skeptisch. Wer sich darauf verlassen möchte, die ungefilterte Kate Tempest zu lesen, der greife besser zum Original.

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Buch-Review: „Der amerikanische Architekt“ von Amy Waldman

Der amerikanische ArchitektDer amerikanische Architekt by Amy Waldman

My rating: 2 of 5 stars

Was passiert, wenn ein Architekt aus einer muslimischen Einwandererfamilie ausgelost wird, um die Gedenkstätte für die Opfer des 11. Septembers in New York zu errichten? Zuerst einmal klingt das wie eine Aufgabe aus einem Kurs für kreatives Schreiben. Doch auch zu diesem Thema gibt es ein Buch, über das viel geschrieben wurde. Vielleicht öfter als gelesen.

Der amerikanische Architekt“ gehört zu den Romanen, die Szenen aneinanderreihen, die alle wie schon mal durchgekaut schmecken. Wenn die fast stumme Witwe und trotzdem Sprecherin der Opfer sich mit dem karrieregetriebenen Architekt trifft, um zu besprechen, was man tun kann, um so wenig wie möglich anzurichten. Wenn der arbeitslose Bruder eines in den Türmen umgekommenen Lieblingssohnes seiner Eltern wieder nach Hause ziehen muss, dort aber konsequent von Mama und Papa ignoriert wird, dann liest sich das nicht wie eine gute Geschichte, sondern wie ein steifes Skript, das versucht, eine Geschichte zu sein, die ein zu großes reales Vorbild hat.

„The Submission“ heißt das Buch im Original. So wie „Soumission“ von Michel Houellebecq, das hier unter seinem richtig übersetzten Titel veröffentlicht werden konnte. Islam heißt auf deutsch „Unterwerfung“. Beide Bücher stehen für ein neugieriges Umkreisen um diese uns noch immer fremde Weltauffassung. Houellebecq wie gewohnt mit heruntergelassenen Hosen. Amy Waldman dagegen rücksichtsvoll, mit an allen Ecken befestigten Sicherungsgurten für allerlei Gemüter. Amerikanische Autoren mögen es sonst zupackender.

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