Ausgelesen: “How To Listen To Jazz” von Ted Gioia

Jazz-Musik wird oft als eine elitäre Sparte wahrgenommen, für die man einen ganz besonderen Ritterschlag benötigt, um in den Kreis der Kenner aufgenommen zu werden. Damit ist dann oft noch ein bestimmter Lebensstil verbunden und wenn man ganz zynisch ist, dann steht dahinter eine bestimmte Einkommenshöhe. Wie so oft, stimmt das alles nicht und gleichzeitig doch. Fest steht: Man braucht keine Aufnahmeprüfung abzulegen und kein geheimes Ritual zu befolgen, um aus der Musik das herauszuhören, was ihren Reiz und ihre Schönheit ausmacht. Auch ein Buch kann helfen.

Die Streamingdienste wie Apple Music, Spotify und dazu noch Youtube machen es uns heute einfach, in den riesigen Archiven der Plattenfirmen und Konzertmitschnitten zu wühlen. Und selbst wenn jemand gerade bei Jazz und Klassik strikt auf Vinyl besteht, dann ist auch da sicher etwas dran, aber zum Einstieg blenden wir das mal aus.

Denn wenn man Ted Gioia, dem Autor von zahlreichen Büchern über Jazz und selbst Pianist, glauben schenken darf, dann geht es zuerst einmal um ganz andere Dinge als den Tonträger oder die Soundqualität. Da wäre zur Einstimmung das Thema Rhythmus, dem das ganze erste Kapitel gewidmet ist. Schneller ist auch im Jazz nicht immer die erste Wahl der Musiker und gerade bei den Balladen zeigt sich, wie gut die Band (oder das Orchester) rhythmisch zusammenhält. Als Beispiel dafür nennt Gioia Count Basies “Lil Darling’”:

In weiteren kurzen Kapiteln gibt das Buch einen sehr praktischen Einstieg über Architektur, Phrasierung, Dynamik und dass man fast sichergehen kann, dass ein Jazzmusiker auch von der Persönlichkeit her so gestrickt ist, wie sein Spiel es vermuten lässt. Gioia hat in seiner Laufbahn schon grüneren Schülern als uns was über Jazz erzählt und hat viele Musiker-Persönlichkeiten selbst näher kennengelernt. Ob Tempo-, Ton- oder Taktsicherheit, für ihn ist wichtiger, was der Musiker mit seinem Instrument anstellt, ob er spielt wie vom Blatt oder die Töne zum Ächzen und Quietschen bringt, um einen Tropfen Wahrheit aus ihnen herauszufiltern.

Gioia widerlegt das Vorurteil wohl absichtlich nicht, dass Jazz ein Musikstil ist, bei dem es darum geht, den Anderen zu zeigen, wie technisch perfekt man spielt. Es ist einfach schwierig, hier Können nur vorzutäuschen. Die Musiker bewegen sich allesamt auf einem sehr hohen Niveau, Blender werden umgehend vom Publikum oder von den Kollegen enttarnt. Man muss sich ein Konzert mit mehreren Solisten wie ein Ritterturnier vorstellen, bei dem jeder um sein Leben spielt und Anerkennung bekommt, wenn er lange genug im Sattel bleibt und sein Solo gut abliefert. Das ist der Kern dieser Musik, kontinuierlich Freude über das Erreichte und das unvorhersehbare Wechselspiel mit den Anderen auf der Bühne.

Rein didaktisch ist “How To Listen To Jazz” (272 Seiten) keine ausgefeilte Improvisation, es liefert das ab, was man als Handwerkszeug braucht, um sich durch Platten oder Playlists zu hören. Der mittlere Teil gibt einen kurzen historischen Abriss über die wichtigsten Stile durch die Jahrzehnte des letzten Jahrhunderts, angefangen bei den Ursprüngen in New Orleans (Louis Armstrong) über die Straßenpartys in Harlem (ganz oben rechts im Bild: Fats Waller). Dann der große Schnitt durch den zweiten Weltkrieg und der große Sprung zum Bebop in den Vierzigern und schnurstracks über den Free Jazz in die Avantgarde (John Coltrane). Irgendwann scheint dann für manche die Entwicklung des Jazz stehen geblieben zu sein. Die Wahrheit aber ist, dass er alles sein kann. Die Vermählung mit elektronischer Musik und Hip Hop (US3, Guru) hatte damals im Nu Chartqualitäten:

Und heute ist es beispielweise eine Metalband wie Acrania, die unglaubliche Bastard-Songs schafft, in denen Jazz eine wichtige Rolle spielt:

Und das Schöne ist, zu allen Stilen aus den vergangenen hundert Jahren gibt es heute aktive Bands, die man sich in Clubs auf der ganzen Welt anhören kann. Der große Duke Ellington soll das letzte Wort haben: “Listening is the most important thing in music.”